Original

4. Dezember 1927

„No was denn? Sind Sie mir böse? Wir waren doch sonst die besten Freunde! Sie schrieben jedes Jahr ein paar freundliche Sachen über mich. Warum strafen Sie mich heuer mit Stillschweigen, das wie Verachtung aussieht? Ich kann doch nichts dafür, wenn Sie mit alten Kameraden Enttäuschungen erleben. Ich habe Ihnen doch niemals Persidie vorgeworfen. Also!“

In diesem Ton redete der heilige Sankt Nikolaus weiter, während ich ihn durch die große Scheibe des Schaufensters betrachtete. Er sah glorios aus. Sein Kopf war noch schöner, als jener moderne Kaltus, der in den Schaufenstern der Blumenläden seit einiger Zeit sein grangelocktes Haupt bestaunen läßt, er war wie eine sette Wiese im Juli. Seine großen Kinderaugen und rosigen Kinderwänglein hatten kaum Platz, zwischen Haar und Bart herauszulugen. Auf seinem Haupt ragte eine weiße Mitra mit goldnem Kreuz, ein flammend roter Mantel umwallte seine Gestalt und sein goldner Krummstab kringelte sich oben, wie ein leckeres Stück Weinsaueisse.

Er redete zu mir durch die blanke Scheibe des Schaufensters und es fiel mir schwer aufs Herz, daß ich ihn tatsächlich dies Jahr vernachlässigt hatte. Der heilige Sankt Nikolaus im Dezember und die Kirschblüte im Mai waren mir stets die beiden Pote im Jahr. Wie komme ich dazu, ihn diesmal zu vergessen?

Ist es noch Zeit? Darf man noch die Trommel rühren für die Kleinen, bei denen der bärtige Heilige mit seinem Eselchen den Umweg über andere, als Vater und Mutter, machen muß? Gestern morgen stand es in der Zeitung, daß im großen Saal des Stadthauses auf langen Tischreihen die Geschenke liegen, fein zusammengeschnürt und mit Etiketten versehen. Da wird es wahrscheinlich schwer halten, noch dies oder jenes einzuschalten. Aber seht Euch um, Ihr findet auf Armeslänge schon diesen und jenen, dem eine kleine St. Nikolausüberraschung den Tag vergolden würde. Grade für diesen Tag ist ja der Spruch erfunden, daß Geben seliger, als Nehmen sei.

Du aber, heiliger Sankt Nikolaus - erlaube, daß ich dich duze - du könntest vielleicht das eine oder andere für uns tun, was uns am Herzen liegt und womit wir, scheint’s, ohne deine gütige Hilfe nicht vom Fleck kommen. Um mit dem Allernächsten zu beginnen: In dem großen Saal, in dem am 6. Dezember morgens deine Geschenke verteilt werden und der sich darob mit Jubel aus Kinderherzen füllen wird, da hingen lange - hängen vielleicht noch? man kann nie wissen - die schönen, Millionen werten Bilder, die du vor langen Jahren einmal der Stadt durch einen gewissen Pescatore beschert hast. (Du wirst dich des Namens erinnern, du hattest seitdem ja wiederholt mit demselben Mittelsmann zu tun.) Sieh mal, lieber heiliger Sankt Nikolaus, diese Bilder waren doch von den Malern gemalt und durch jenen Pescatore der Stadt geschenkt, damit möglichst viele Leute sie sehen, sich daran erbauen, ihren Geschmack bilden, vielleicht ihren Beruf entdecken sollen, nicht aber, damit sie von irgendeinem Kastellan unter Schloß und Riegel gehalten und nur zu bestimmten Stunden gegen Entree gezeigt werden, noch schlimmer: in Kisten verpackt und auf Speichern verstaut in Vergessenheit geraten.

Ich weiß nicht, wie du mit Gott Vater stehst, aber vielleicht könntest du ihm gelegentlich ein Wörtchen stecken, damit er die Herzen der zuständigen Stellen rührt und sie es nicht länger über sich bringen, dem Volk Schätze vorzuenthalten, die du ihm vor über einem halben Jahrhundert durch die Bermittlung jenes mehrerwähnten Pescatore geschenkt hast.

Bei derselben Gelegenheit könntest du vielleicht Gott Vater daran erinnern, daß wir immer noch keine gedeckte Markthalle haben, kein passendes Theater, keine städtische Klinik, keinen fertigen Bahnhof, keine Trambahn nach Walferdingen und Esch, kein ordentliches Instizgebäude, keinen Cisenbahnvertrag, dafür aber zweihundertfünszig Millionen Papiermark, sagen sie, eine Zollverwaltung, die im Papier ersäuft, ein Drittel zuviel papierne Taglöhner, sagen sie, überhaupt viel zu viel Papier und zu wenig Gold. Frag doch einmal, lieber heiliger Sankt Nikolaus, wie lange das noch dauern soll, und ob man dir höheren Orts nicht erlaubt, uns bei deiner nächsten Tournee die Befreiung von all diesem Plunder zu bringen und uns dafür mit all den guten Sachen zu erfreuen, die oben aufgezählt sind, und all den andern, die ich noch aufzählen könnte.

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    Katalognummer BW-AK-015-3576