Unsere Zeit treibt die Indiskretion und den Materialismus wirklich zu weit.
Zum Beispiel, was die Indiskretion betrifft, so kann sich ein ruhiger Bürger nicht einmal mehr eine Ferienreise auf den Himalaya gönnen, ohne daß das Publikum vorlaut fragt, was er da tut. Diese krankhafte Neugier äußert sich in der Regel in sogenannten Schlagern, die sich verbreiten, wie Wasserringe. Sie werden zuerst in Berlin oder in Wien gesungen und verebben in Pirmasens. So ein Schlager mischt sich zurzeit in die Privatangelegenheiten eines harmlosen Steuerzahlers, der den Himalaya bestiegen haben soll und der zum Neimen aus diesen Gebirgsstock gezwungen wird, wie Überzieher auf Abbazia. Allabendlich klingt aus mehreren Hunderttausend Kehlen die lächerliche Frage, was dieser Privatmann am Himalaya tut. Und dabei wird um sein Wohlbefinden zynisch eine Angst geheuchelt, die durch das Lachen auf mehreren Hunderttausend Gesichtern Lügen gestraft wird. Die Dreistigkeit des Textes wird durch die der Musik noch unterstrichen, die Frage wird tückisch dadurch urgiert, daß sich die letzte Silbe des Namens synkopisch aufbäumt, wie der Kopf einer Schlange, der man auf den Schwanz getreten hat. Mit demselben Recht wird morgen einer einen Schlager dichten mit dem Refrain: Was macht der Millah bei der Camilla? Oder: Was macht der Poli auf dem Stromboli?
Der Materialismus unserer Zeit hingegen tritt unheimlich kraß zutage in jenem andern Schlager, der des Neimes halber den Titel trägt: „Henriette“. Der Nefrain hebt an: Wenn ich ein Verhältnis mit dir hätte, - Wieviel kost’ das, Henriette?
Man kann sich demnach ungefähr denken, wie in einem zukünftigen Briefsteller Er Ihr seine Liebe kundtun wird.
Geliebtes Wesen! Ich wünsche mit Ihnen zu techtelmechteln und bitte ich um umgehende Zufendung Ihres Preiskurants eventuell eines Kostenanschlags für eine Periode von vorläufig einem Quartal, wobei ich wohl voraussetzen darf, daß ich der Preisvergünstigung des EngrosBezugs teilhaftig werde.
Beifolgend ein Acouto-Betrag von tausend Küssen usw.
Aus der kühlen Lust dieser viereckigen Gefühlsarchitektur flüchtet man dann mit der Ahnung warmer Behaglichkeit zu der „Goldnen Meisterin,“ der Wiener Operette, aus der auch einige Schlager die Runde machen, u. a. das Lied vom Wein aus dem dritten Akt.
Auf dem Papier steht: So ein Wein! Gibt’s nur einmal auf der Welt!
Wenn Du, lieber Freund, diese nicht mehr ungewöhnlichen Worte mit Deinen luxemburger Tonwerkzeugen dahersingst, so klingt das - ohne Dich und mich beleidigen zu wollen - ein wenig stumpf, ein wenig platt und glanzlos, ein wenig papieren eben. Du mußt neben einem waschechten Wiener sitzen, der mitfingt, dann bekommst Du eine Ahnung davon, was da drin liegt. „So a Wein!“ singt er. Und das e in Wein ist kein a, sondern wirklich ein helles, trompetendes e, wie aus goldelbem Seidenatlas oder frisch geputztem Messing. Gibt’s nur amal auf der Welt! Wieder dies e in Welt, das uns zwischen Zunge und Gaumen ins Flache, Kulturlose gerät, und das der Wiener in den Mund nimmt, wie ein Likörbonbon von Heller. Duliöh, duliöh, so a Wein!
Ach ja, die Liebe können sie verhohnepimpeln, da können sie so tun, als ob sie darüber weg seien, als ob es mit der Liebe sei, wie mit dem St. Nikolaus, - daß man nicht mehr daran glaubt, wenn man alt genug geworden ist. Mit dem Wein geht das nicht. Der läßt sich nicht entthronen, der behält seine Herrschaft über alle, jung oder alt, ob Jude oder Christ, wie er sie von Noah’s Zeiten her allezeit hatte. Dem machen wir die Cour, jahrelang, harren schmachtend, wie Ritter Toggenburg, daß er uns ein freundliches Lächeln spende, und wenn er uns trotzdem wieder einmal die kalte Schulter dreht, so hoffen wir weiter und trösten uns in den sauern Jahren mit der Erinnerung an 1921 und mit der Hoffnung auf den nächsten Oechsle-Himalaya.