Der Franzosenkönig Charles X., sein Sohn, der Herzog von Angoulème, und sein Enkel, der Graf von Chambord, haben keine Ahnung von den Dankesgefühlen, die ich gegen sie hege. Zum zweiten Mate innerhalb eines Jahrzehnts liefern sie mir Stoff zur Füllung meiner täglichen Spalte, indem ihre Gebeine innerhalb derselben Spanne Zeit zweimal umgebettet wurden bezw. werden sollen, was für uns insofern ein Ereignis ist, als Charles X., während er noch Graf von Artois war, sich längere Zeit in unserm Land, u. a. im Schloß zu Stadtbredimus aufhielt, und als demnächst, bei der zweiten Umbettung der fürstlichen Gebeine, unser Herrscherhaus verwandtschaftshalber auch interessiert sein wird.
Am 6. Januar 1918 enthielt der Abreißkalender eine Meldung des „Berliner Tageblatt“, wonach man die Gebeine des Königs Karl X. von Frankreich, des Herzogs von Angoulème und des Grafen Chambord aus der Gruft des Franziskanerklosters Castagnavizza bei Görz nach Wien gebracht hatte, um sie vor der Zerstörung durch italienische Angriffe zu schützen.
Heute heißt Görz Gorizia, und die italienische Regierung hat aus Freude darüber, daß sie damals die fürstlichen Gebeine nicht in Splitter zu schießen brauchte, beschlossen, den 10. Dezember festlich zu begehen, weil an diesem Tage die Überreste der Mitglieder des französischen Königshaufes wieder an ihre alte Ruhestätte nach Gorizia und nicht Görz zurückgebracht werden.
Im „Gaulois“ erschien dieser Tage ein Brief des Abtes von Castagnavizza, Dom Pascal, an den Grafen Cianelle de Serans. Es heißt darin, daß die Zeremonie der Überführung nicht nur offiziellen Charakter haben wird, sondern daß nach einem Beschluß der italienischen Regierung den königlichen Überresten militärische Ehren mit großem Pomp erwiesen werden sollen. Das Klosterarchiv, das 1917 aus den Ruinen der Aotei gerettet wurde, enthält alle Dokumente über die Feierlichkeit der ersten Überführung nach Görz im Jahre 1883. Damals, stellt der Brief fest, kamen mehrere Tausend Franzosen nach Gorz, um der edeln Haltung des verbannten Grasen Chambord ihre Huldigung darzubringen.
Es wäre peinlich, heißt es weiter, wenn die Nachkommen jener französischen Besucher von 1883 diesmal ausblieben, und es wäre dringend geboten, daß sich in Paris ein Ausschuß bildete, um eine nach Zahl und Qualität bedeutende Abordnung auf die Beine zu bringen.
Zu diesem Brief schrieb Gaëtan Sanvoisin einen Kommentar, in dem er für die Zeremonie von Gorizia wirbt und an den Vers von Lamartine erinnert: «C’est la cendre des morts qui créa la patrie.»
Nachdem Sanvotsin dann noch hervorgehoben hat, daß die Rettung der Gebeine 1917 von der Kaiserin Zita von Osterreich, der Schwester des Prinzen Felix von Luxemburg, unter dem Feuer der italienischen Geschütze des Nachts mit Todesgefahr bewertstelligt wurde, schließt er mit der Feststellung, daß die erlauchten Toten bald wieder „bei der Adriatica und fern von Frankreich“ den Schlaf schlafen werden, den eine Prinzeffin französischer Herkunft vor Störung bewahrt hat.
Und die „Action Française“ fügt hinzu: «C’est à Saint-Denis que nous ramènerons un jour la dépouille de nos Princes.»
Das kann eine Hoffnung, aber auch eine Drohung bedeuten.
Man sieht, der Friedensengel weiß, wie man im Luxemburgischen sagt, „den Doppelten nicht zu wehren“. In Genf zerbrechen sie sich die Köpse, wie sie einen Weltkrieg verhüten, in Paris, wie sie einen Bürgerkrieg anzetteln könnten.