Original

8. Dezember 1927

Wenn ich mit geschlossenen Augen daran zurückdenke, so sehe ich zu allererst und vor allen Dingen: Acht Daumen, die unisono zum Himmel rufen. Sie richten sich paarweise aneinander auf, wie Chepaare, als ob einer der Daumenmann und der andere die Daumenfrau wäre.

Die acht Daumen gehören vier Männern. Diese stehen in einer Reihe auf dem Podium des Casino-Festsaales und haben tadellose Fräcke an. Und fleckenlose weiße Westen, drei mit weißen, einer mit schwarzen Knöpfen. Dies ist der Tenor. Davon später. Sie haben die Hände in Höhe des Magens ineinander geschlungen und die Daumen, wie oben, gegen einander auf und himmelwärts gerichtet. Es wurde später klar: Sie wollten ihre Temperamente an die Kette legen und sich durch diese Gebundenheit der Stellung vor ausschweisendem Gestikulieren bewahren. Die innere Erregung strömte durch die Daumenspitzen aus, wie Elektrizität.

Einzeln hießen die vier Männer J. K. Danissoff, N. N. Kedrosf, T. K. Kasakosf und N. K. Kedroff. Zusammen: Vokalquartett Kedroff. Das deutet auf etwas, wie Männerquartett, also Gesang. In Wahrheit hatte man es nicht mit Gesang, sondern mit einem Streichquartett zu tun, das künstlich mit Männerstimmen hergestellt war.

Im Anfang war der Baß. Und der Baß war bei Gott und Gott war der Baß. Wirklich, dieser Baß war Anfang und Ende. Es klang daraus: Fürchtet Euch nicht, ich bin da! Und die Pforten der Hölle werden mich nicht überwältigen! In diesem Baß muß Gott der Herr zu den ersten Menschen geredet haben. Als er sie aus dem Paradiese jagte, aber auch, als er Noah den Weinstock schenkte. Dieser Baß war kein Organ, sondern eine Orgel. Sein Besitzer hatte seinen Spaß mit ihm, er ließ ihn an der Kette tanzen, wie einen Bären, bald schwerfällig, bald possierlich, bald zutraulich, bald drohend.

Der Tenor, sagten sie, sang wie alle russischen Tenöre. Ich habe noch nicht alle ruffischen Tenöre gehört, aber wenn sie wirklich alle so singen, so muß ich sagen, ich höre lieber den Molling, oder den Caruso, wenn er im Grammophon Vesti la giuba schmettert. Dieser Tenor sang durch eine Canüle. Meine durch und durch ebenso musikalische wie reizende Nachbarin meinte, das sei sehr schwer. Sie hat mich nicht bekehrt. Ich kenne eine Dame, die mindestens viermal so schwer ist wie Miß Luxemburg. Aber schön ist sie nicht.

Das Elegische, das der Tenor ausströmte, wurde durch die Bonhomie seines Nachbarn ausgeglichen. Dieser spiegelte in keinem Zug die Schwermut und die Tragik seines Vaterlandes. Er trat der Welt fidel und optimistisch gegenüber, und jeder wußte einen andern Bekannten, dem er gleichen sollte.

Dann war da der zweite Tenor. Grade bevor er auftrat, hatte er die Nachricht von dem plötzlichen Tod seiner Erbtante empfangen, die er sehr geliebt hatte. In seinen Zügen stand noch die Wehmut, die ihn bei der unerwarteten Kunde ergriffen hatte, zugleich mit der stillen Ergebenheit, die im Glauben an ein besseres Jenseits und ein Wiedersehen dort oben Trost findet, und mit dem stillen Abglanz der Freude über den nicht unbeträchtlichen Nachlaß in bar. Wenn es an ihn kam, daß er einsetzen mußte, fuhr er traurig lächelnd aus seinen Gedanken empor und sah die Versammlung mit feuchten Blicken an, als wollte er sagen: Gelt, die liebe gute alte Tante! Prost!

Aber wenn man’s im Ganzen nimmt, so war es wirklich schön. Es war samtne Mufik. Ein wenig eintönig vielleicht in Lust und Leid, und irrefuhrend in den Themen. Zu einem schwarzen Roß, das mit gesenktem Kopf kläglich wiehernd über die Steppe schweist und seinen Neiter sucht, der von einem Tartarenpfeil durchbohrt auf der Wahlstatt liegt, oder zu Ivans, des verliebten Bauernburschen Flötenspiel und dem Gesang Tatiana’s und noch vielen andern Süjets derselben leicht faßlichen Ergiebigkeit hätte sich unsere westeuropäische Phantasie eine ganz andere Musik vorgestellt, als sie von Nakrassoff und Dargomijsky kompontert ist.

Aber so, wie es war, war es in seiner Art vollkommen, war offenbar echt ruffisch und wert, daß die Kasinogesellschaft das Opfer brachte und ihren Mitgliedern einen Genuß verschaffte, der in den üblichen Veranstaltungen unserer geschlossenen Gesellschaften eine angenehme Abwechslung darstellte.

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    Katalognummer BW-AK-015-3579