Zu den Merkmalen der Stadt, die ganz und gar diesen Namen verdienen will, gehört im Straßenbild das Element: Mime. Dies wird geliefert durch die stehende Theatertruppe.
Wir hatten kurz nach dem Kriege eine Zeitlang die stehende Truppe, deren Impresario und Direktor Lion hieß. Einzelne ihrer Mitglieder leben hier noch in der Erinnerung der Theaterbesucher fort.
Dann hatten wir die Truppe Walden mit ihrem Stern Henny.
Heute ist es die Truppe Völz - ein Siernenhimmel in beständiger Drehung, wenn es sein muß.
Eine stehende Theatertruppe war früher die Blume, die sich Fürsten gern ins Knopfloch steckten - vielmehr der Blumenstrauß, in dem eine Lieblingsblume Platz fand. Heute ist sie das Schmerzenskind der städtischen Finanzen. Es sind geradezu haarsträubende Ziffern, mit denen den Zeitungen zufolge z. B. die deutschen Städte ihre Theaterbudgets auffüllen müssen.
Wir haben es besser. Unsere stehende Truppe verdanken wir der Privatinitiative eines unternehmenden Saalbesitzers und eines geschickten Impresario-Direktors.
Und so sind wir denn des Erscheinungskomplexes teilhaftig, den das Vorhandensein einer stehenden Theatertruppe in einem Städtebild erzeugt.
Wenn wir wissen, wo die Künstler verkehren, so können wir sie in Zivil, in ihrem Alltagsmenschentum beobachten. Der Charakterspieler und der Komiker z. B. klopfen mit dem Hrn. Direktor Skat, und sehen nicht anders aus als du und ich, höchstens daß sie an passenden Stellen ein klassisches Zitat aus ihrem Rollenfach einflechten. Um drei Uhr sehen sie auf die Uhr und fangen an, davon zu reden, daß es Zeit zur Probe wird. Die Damen erscheinen vorübergehend, um zu fragen, ob kein Brief von ihrer Mama angekommen ist. Dann gehen sie zu zweit oder dritt den Hutladen besichtigen, den die neue Modistin so geschmackvoll aufgemacht hat. Vielleicht erblicken sie auch an einem Tisch einen jungen Mann, der sie mit traurigen Blicken verschlingt und Herzklopfen bekommt, während er ihnen eine Tasse Kaffee anbietet. Sie hätten lieber einen Maraschino gehabt.
Jünglinge stehen den weiblichen Mitgliedern einer stehenden Theatertruppe stets so gegenüber: In der einen Hand ihr Herz, in der andern zuerst eine Tasse Kaffee, dann allmählich mehr. Sich in eine Künstlerin von der Bühne verlieben, ist für den jungen Mann sozusgen eine kulturelle Verpflichtung. Es steht fest, daß z. B. die Spielzeit 1927-28 für mindestens zwei Dutzend junge Luxemburger das Ereignis ihres Liebeslebens bleiben wird. Ich schätze es sehr niedrig.
Die Bühnendamen ihrerseits sind schon mehr abgehärtet. Die Leidenschaft, die der junge Mann auf eine Einzige, auf die Einzige konzentriert, zu einem weißglutheißen Strahlenbündel konzentriert, die teilt sich in umgekehrter Richtung in viele Einzelstrahlen - wenn überhaupt von umgekehrter Richtung die Rede sein kann. Bei den einen vielleicht noch, bei den andern auch noch, bei diesen nicht mehr, bei jenen schon wieder - man kann nie wissen. Aber Recht haben die Jünglinge trotz allem, daß sie sich zum Spiel der Minne Künstlerinnen und keine Dilettantinnen aussuchen. Sie werden fürs Leben darin den Vorteil haben, den jedes Training bietet. Der Fleurettfechter übt sich im Stoß nach einem Herzen, das auf die Mauern gemalt ist - warum soll der Jüngling nicht mit einer Operettendiva flirten?’
Molière hat eine „Schule für Ehemänner“ geschrieben. Auch eine Schule für die Frauen. Eine Schule für die Verliebten hat er wohlweislich nicht geschrieben. Aus verschiedenen Gründen, von denen der hauptsächlichste wird gewesen sein, daß er aus Erfahrung wußte, wie wenig die Verliebten auf die Schulmeister hören.
Vielleicht hörst du, o Jüngling, auf die Schulmelsterin. Vielleicht führt sie dich an ihrer zarten, aber geschickten Hand durch den verdammten Irrgarten der Liebe, durch Wonne, Verzweiflung, Eifersucht, Abkühlung zurück zur Vernunft. Du wirst ihr dankbar sein und dereinst deinem Sohne, erzählen, wenn er 20 Jahre alt ist: Es war im Winter 1927-28, sie hieß ....
Ich will nicht indiskret werden.