Original

10. Dezember 1927

Die Zeit ist wieder da, wo die Säcke mit Muscheln vor den Delikatessenhandlungen auf dem Bürgersteig stehen. Ein Anblick, bei dem jedem aufrichtigen Demokraten das Herz im Leibe lachen muß.

Denn die Muschel, die Mull, ist das demokratische Essen kat exochän.

Was der Häring zum Kaviar, was die Kartoffel zur Trüffel, das ist die Mull zur Auster.

Nur in der Vergiftung sind sie beide gleich.

Aber die Mull ist schöner, als die Auster. Die Auster ist mißfarben, flach, wie Spucke. Die Mull ist rundlich, zart; sie liegt da, rosig fleischfarben, wie ein Kindlein in der Wiege. Der Froschschenkel, der auch so als Saifonleckerbissen durch den Kalender geht, wehrt sich gegen seinen Vertilger mit allen seinen Knochen und Knöchlein. Die Mull hingegen läßt sich alles gottergeben, mit berückender Femininität gefallen.

Du sollst nirgendwo Mullen essen, als nur in Luxemburg. Und auch da mußt du die Häuser kennen.

Heine hat das unsterbliche Lied gedichtet vom Fichtenbaum im Norden auf kalter Höh, der von einer Palme im Wüstenfand träumt. Respektlose Gesellen singen die Parodie vom Häring, der eine Aufter liebte. Hätte Heine um das Verhältnis zwischen der Muschel und dem luxemburger Grächen gewußt, so hätte möglicherweise sein Gedicht angefangen: Ein saurer Knote reifte - Zwei Drittel auf sonniger Höh usw. Und eine Strophe tiefer: Er träumte von einer Muschel - Die fern im Meeresbraus usw.

Und da sie beide keine Königskinder, sondern ganz gewöhnliche Proleten sind, so heißt es von ihnen nicht, wie im alten Volkslied: Sie konnten zusammen nicht kommen - sondern im Gegenteil, sie kommen zusammen, und es ist gut so, denn Mullen sind nur gut, wenn sie in einer Sauce von luxemburger Grächen gekocht werden. Ich hörte vor Jahren erzählen, unser Landsmann „Zimmßen Decken“ habe eines Tages in Trier auf einen Küchenchef geschossen, der Muscheln in Wasser gekocht hatte. Er schoß zum Glück vorbei. Vor einer luxemburger Jury wäre er freigekommen, selbst wenn er den Küchenchef zur Strecke gebracht hätte.

Grächen und Mullen gehören zusammen, wie zwei ideal assortierte Verliebte. Er besitzt an Härte und Schärfe, was sie braucht, um ihre Passivität auszugleichen.

Unsere wirtschaftliche Vereinigung mit Belgien wird erst dann auf festen Füßen stehen, wenn sie sich auf die Affinität zwischen Grächen und Mullen gründet.

Zum Glück für uns werden Mullen nicht künstlich hergestellt.

Wenn sie einmal in und für Belgien auch den Grächen nicht mehr künstlich herstellen, dann wird das goldne Zeitalter der Union Economique anbrechen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3581