Morgenidyll.
In Gruppen und einzeln, junge Männer und junge Mädchen, strömt es zum Gottesdienst des Tagewerks.
Südostbrise. Die jungen Mädchen ziehen vorn überm Schoß die Mantelränder übereinander, haben die Kragen hochgestellt und frieren an den Beinen. Es sieht rührend aus. Man möchte was für sie tun. Die jungen Männer sind bestrebt, in ihrem Wesen Ansätze zum Generalfekretär und künstigen Verwaltungsratsmitglied durchscheinen zu lassen.
Sie werden hingesaugt wie in einen Ventilator, verschwinden hinter Portalen, Türen, Türchen.
Die Wagen der Elektrischen sind noch Ereignisse in der Stille der Achtuhrstunde, das Monstrum Charly ist nahezu Alleinherrscher über die Straße und füllt sie mit Gedröhn, Geklingel, Rauch und Gestank. Heizer auf dem Charly zu sein, muß das Herz eines Menschenfeindes mit Wonne erfüllen. Weil er grade in den belebtesten Straßenzügen den dreckigsten Rauch machen kann.
Über die Brücke, durch die Avenne, hin und zurück, hin und zurück, fährt straßauf straßab ein merkwürdiges Gefährt. Ein Auto, das keinem andern gleicht, auf nichts Bekanntes reimt. Es steht. aus wie ein umgelegter Petrolenm-Eimer. Es läuft vorn in einen stumpfen Kegel aus. Es hat etwas von einer gedrungenen Bulldogge, einer dicken Bertha - wie man sie sich vorstellen könnte - oder einem modernen Kriegerdenkmal. Warum nicht?
Es ist die Straßenkehrmaschine. Sie kommt auf dich zu, du siehst ihr erwartungsvoll entgegen, sie fährt vorüber, du siehst ihr nach - eine walzenförmige Bürste, schief zur Straßenachse gestellt, dreht sich dahinter wie toll, zeichnet saudere Kotschwaden an den Rand der Fahrbahn, ist die Mähmaschine des Straßendrecks, die nach forgfältig ausprobierten mechanischen Gesetzen arbeitet.
Hinter ihr ist das Pflaster von beängstigender Sauberkeit. Es ist blank, wie eine Kirche am Kirmesmorgen. Es flößt durch seine Unberührtheit Andacht ein. Die Menschen, die darüber gehen, fühlen sich gehoben. Jeder Einzelne ist auf dieser jungfräulichen Folie deutlich betont, fühlt seine Verantwortung dem Ganzen gegenüber und seinen Stolz, einem Gemeinwesen anzugehören, das solcher Klarheit fähig ist. Es ist über allem ein Bewußtsein von Übersichtlichkeit, von Frischgebeichtethaben, von Ordnung - eine Stimmung, in der es unbegreiflich wäre, daß jemand sich von der Brücke hinunterstürzte.
Da kommt von der Stadt her ein Bauernfuhrwerk. Hat Holz gebracht, oder ein Möbel, Kartoffeln, was weiß ich, und fährt schon wieder heim.
Hinterm Gaul auf der Deichsel sitzt der Bauer und döst sich was. Gemächlich trottet der Fuchs vor dem leeren Wagen. Grade in der Mitte, wo am Geländer die Wappen prangen, verhält er den Schritt. Seine Schwanzwurzel rundet sich nach oben zu einem kurzen Bogen und unter diesem tritt etwas quellend und stürzend in die Erscheluung (der Apsel fällt nicht weit vom Roß) .....
Der Wagen poltert in weiter Ferne. Inmitten der andächtigen, weihevollen. Sauberteit und relativen Morgenstille liegt eine gelbe Hügelkette von Unrat. Wie ein niedlich verkleinertes und doch himmelschreiendes Symbol des Charly. Sogar Rauch steigt von ihr auf und wird von der Südostbrise leise verweht.
Heiliger Zorn kommt über mich. Es ist, wie wenn einer mitten in eine feierliche Osterpredigt hinein geschnarcht hätte. Ich hätte den Bauer samt seinem Gaul erwürgen können. Ich hörte den Kerl sagen: Wir pfeifen auf Euern Sauberteitsfimmel. Wir sind rauh und schlau gewöhnt, echte Luxemburger vom alten Schrot und Korn, wie sie Herr Collart in seiner Brasilienreise beschreibt, feste Dämme gegen die Landflucht, leben nach der Väter Art, steigt uns mit Eurer Kehrmaschine den Buckel hinauf. Hü, Pirro!
Ich bin neugierig, was bis Mittag aus der Hügelkette wird geworden sein.