Liebe Freundin! Auch im Garten der Stimmungen gibt es Erstlinge. Primeurs würden Sie sagen, wenn es sich um Veilchen oder Erdbeeren handelte.
Ich habe am Sonntag eine solche Stimmungsprimeur erlebt.
Sie wissen, was es am Sonntag für ein Tag war. Ein Tag, den der Herr gemacht hatte, sagt der Psalmist. Die Sonne, der Himmel, die Erde. Und wir. Wir, die Menschen, für die das alles doch da ist. Das dürfen wir nicht vergessen. Wenn Sie einmal in trübe Gedanken verfinken wollen, so halten Sie sich vor Angen, daß schließlich die ganze Welt nur Ihretwegen da ist, damit Sie sie mit Ihren zwei offenen Augen besitzen, so weit sie reicht. (Mit Ihrer Zunge auch, jawohl. So sagten Sie. Mit Recht.)
In den Vormittagsstunden dieses vom Herrn sozusagen auf Maß gemachten Sonntags war ich über Land gegangen. Ganz allein. Über eine Landstraße, an der die Bäume weithin gereiht standen, sodaß sie am Ende der Perspektive sich zu berühren schienen. Wie an jener Straße meiner Kindheit, die ich so oft entlang ging in der Erwartung, daß am Ende die Bäume sie abschlössen, und die am Ende wieder so breit war, wie am Anfang.
Diese Kindererinnerung war wie eine Sonnenwolke, in der ich dahinging, vom Tag und seinen Sorgen abgeschlossen. Ich war auf einmal nicht mehr ein Mensch von heute, sondern ein Mensch von immer und niemals. Ein Mensch schlechthin. Ein weißes Blatt Papier, auf das der Augenblick unabgelenkt seine Stimmungen schreiben konnte.
Da schrieb er: Ostersonntag!
Wie? fragen Sie erstaunt. Ostersonntag! Und wir gehen doch erst Weihnachten entgegen!
Jawohl, liebe Freundin, Ostersonntag. Das war es ja, der Erstling, die Primeur. Eine Osterstimmung Monate lang vor ihrer Zeit, aus der gefrorenen Wintererde gewachsen. Von fernher über die bereiften Äcker und Wiesen läuteten Sonntagsglocken, und die Sonne schien. Die Menschen waren feiertäglich gekleidet, alle Fron schlief hinter Mauern und war vergessen. Aus den Glocken wurden auf einmal unter dem blauen Sonntagsvormittagshimmel feierliche Osterglocken, die Befreiung und Frühling und Aufstieg verkündeten. In den Wiesen knisterte es von erwachendem Leben, das helle Band der Straße zog weit hinaus, hügelauf, hügelab und lockte in die Ferne, die Menschen hatten frohe Gesichter, es roch nach Veilchen, wahrhaftig! Ich stellte mir vor, wie an den Kilometersteinen die bunten Ostereierschalen lägen, die ausruhende Wandrer dort verstreut hätten, die ganze glanzvolle Osterstaffage entblühte meiner Phantasie aus der Dezembererde. Jawohl, nur weil die Sonne schien, weil keine Arbeit und keine Sorge hinter dem nächsten Stundenschlag lauerte, weil ich bald liebe Menschen sehen würde, weil die Glocken läuteten.
Schade, liebe Freundin, daß sich Primeurs nur so kurze Zeit halten.