Original

14. Dezember 1927

Drei Bilder:

Einmal in Medernach, Kirmessonntagnachmittag. Dorftanzsaal. In einer Ecke der Orchestermann mit Ziehharmonika, dicker und kleiner Trommel, Triangel, Zymbeln und Pauken. Pfeife im Mund. In der Mitte die drehenden Paare. Ein angetrunkener junger Bauer torkelt herein. Die Musik fährt ihm in die Glieder. Er hebt und senkt langsam kreisend Arme und Beine im Rhythmus des Walzers, die Zigarre steht ihm wie ein Hauer vom Mundwinkel schief in die Höhe, er ist wunschlos glücklich, seine im Alkohol schwimmenden Augen haben einen wonnetrunkenen Blick - er ist voll des Gottes.

Heute vormittag vor der Hauptpost. Zwei Schulbuben, ranzenbepackt, drehen sich im Kreis, wer es am längsten kann, werden zusehends trunken, taumeln exzentrisch, lachen sich kaput über ihren possierlichen Zustand.

Gestern abend, in der „Miß Dudelsack“. Fritzi Voels bricht aus der Kulisse und tanzt, wirft die schlanken Beine hoch, als müßten sie aus den Hüstgelenken fliegen, dreht sich, beugt sich, schnellt empor, macht ihrem Kopf mit ihren Armen einen Perlmutterrahmen, lächelt verloren in mänadisch verzücktem Genuß am Austobendürfen, sitzt plumps mit einem anmutigen grand écart auf dem Fußboden, springt empor, wirbelt immer wieder lächelnd durch den Bühnenraum, bis es ist, als sei eine Sprungfeder am Ende ihrer Spannung - und tanzt und singt weiter, als ob sie noch keinen Finger gerührt hätte.

Pure Freude am Ausleben. Haben Sie schon einen rassigen Jagdhund gesehen, der seit langem zum erstenmal wieder mit hinaus darf? Die angesammelte Kraft schießt mit ihm herum wie mit einem Pulverfrosch und entpreßt ihm Wonnegeheul. Was ihn treibt, ist derselbe Dämon, der beim Ursprung des Tanzes Gevatter stand.

Eine deutsche Definition des Tanzes: Die Kunst, durch taktmäßige Körperbewegungen, oft in Verbindung mit gewissen Gebärden, innere Zustände auszudrücken.

Eine französische: Suite de sauts et de pas réglés par une cadence et habituellement dirigés par la musique.

Mit der Bezugnahme auf die inneren Zustände kommt man dem Wesen des Tanzes entschieden näher.

Wenn die Taglioni, die Saharet, die Isidora Duncan, sogar noch die neuesten Russen und Russinnen tanzten, waren sie der Wesenheit des Tanzes nicht so nahe, wie die Jungen, die die Kunst nicht um der Kunst willen lernen, sondern weil sie die Kanäle weitet, durch die die Lust an sich selbst, am Schwingen („am Sinnsein“, würde Dr. Neuter sagen) herausbricht. Es ist die Tanzkunst, für die ein junges Mädchen von heute schwärmt, weil sie die Ausdrucksmöglichkeiten für den inneren Drang nach Leben, nach Rhythmus, nach schönem Ausströmen ins All zum Äußersten steigert. Der Zuschauer freut sich an der Kunst, aber fast noch mehr an der Freude, die der Künstler beim Ausüben der Kunst so inbrünstig empfindet, daß sie ihm aus den Augen blinkt.

Denn ist das nicht der feltenste Genuß, zu erleben, wie der Kunstbesessene vom Trieb ergriffen ist, wie er uns nicht etwas Inhaltloses vormacht, etwas, das den leeren Champagnerflaschen gleicht, die als Reklame im Schaufenster liegen, sondern wie in seinem dionysischen Wahnsinn nur der Gott gegenwärtig ist, der ihn erfüllt.

Das instinktive Verständnis für dies prosane „Näher zu dir!“, das sich sogar in der herrschenden Vorliebe für die Negertänze verrät, ist unter vielen unerfreulichen ein erfreuliches Zeichen der Zeit. Es gehört in den Gefühlskomplex, zu dem auch der Sinn für seelische Nacktkultur gehört, das wachsende Bedürfnis nach Wahrheit und Klarheit. Wir sind in unserer Welt von heute wie Erben in einem Haus, in dem von Wänden und Decken alte Stuckbewürfe und von Türen und Möbeln dicke Olfarbenkrusten gelöst werden müssen, damit die ursprünglichen Schönheiten wieder zutag liegen.

Auch die Tanzkultur will sich aus eingetrockneten Firnisschichten u. papiernen Umhüllungen befreien, um wieder näher an ihrem Zweck zu sein: durch taktmäßige Körperbewegungen innere Zustände auszudrücken.

In diesem Sinn waren der Bauer in Medernach, die Schulbübchen vor der Hauptpost und Fritzi Voels in „Miß Dudelsack“ ganz bestimmt der Seele des Tanzes näher, als eine Bühne voll Balletensen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3584