Ich kam auf einem Gang durch die Stadt an einer Paramentenhandlung vorüber. Im Schaufenster standen Heiligenbilder, darunter eine Herz-Jesu-Statue.
Der Heiland bot sein Herz, aus dem die Flammen herausschlugen, der Welt dar, indem er mit beiden Händen über der Brust seinen Mantel auseinander hielt. Ich will den Fabrikanten von Herz-Jesu-Statuen keine ästhetischen Vorhaltungen machen, nur eins glaube ich im Interesse der Volksaufklärung beanstanden zu dürfen: daß sie das Herz des Heilandes von der linken Seite in die Mitte der Brust verlegen. Das ist geeignet, die anatomischen Urbegriffe der Massen ins Wanken zu bringen. Wenn der Sohn Gottes sich schon herbeiläßt, Mensch zu werden, so läßt er sich sicher in bezug auf sein Herz keine Extrawurst braten und trägt es, wie alle Menschenkinder, unter der linken Rippenleiter.
Ich möchte wissen, was sich ein Arzt, Spezialist für Herzkrankheiten, beim Anblick einer solchen Statue für Gedanten macht. Etwa: Das wäre sein, wenn man diesen vertrackten Lebensmuskel so einfach aus dem Brustkasten herausnehmen und in die Fabrik zur Reparatur schicken könnte.
Auch Du, lieber Leser, könntest Dir vor einem solchen blankliegenden Herzen allerhand denken. Hast Du Dir nie den Kopf darüber zerbrochen, daß nun seit - à propos, wie alt bist Du? Dreißig, fünfzig, achtzig? -, daß also seit dreißig, fünfzig, achtzig Jahren mitten in Dir ein Ding lebendig ist, auf das Du gar keinen Einfluß hast, das ohne Dich zu fragen da ist und in einem fort rumort? Du kriegst es nicht ruhig, es sei denn, Du pumpst eine oder mehrere Browningkugeln hinein oder durchlöcherst es auf andre gewaltsame Weise. Es hat angefangen, sich in Dir inwendig mausig zu machen zu einer Zeit, wo Du noch mit dem Mutterschoß verwachsen warst, und hat seither nicht aufgehört, ohne Dein Wissen und Zutun unaufhörlich weiter zu pumpen, dreißig, fünfzig, achtzig Jahre lang, ohne auch nur zwei Sekunden lang auszusetzen. Man nennt das Schlagen, obschon es kein eigentliches Schlagen ist. Vielmehr ein monotones ab und zu, ab und zu, ab und zu. Manchmal auch ein lebhafteres ab ab ab zu zu zu. Aber immer, ohne daß Du was dazu kannst. Wie wenn irgendwo in Deinem Haus ein Tier eingesperrt wäre, das in einem Raum rundum ginge, rundum, rundum, bum, bum, bum, ohne daß Du es daran hindern könntest, und ohne daß Du wüßtest, wer es hineingesperrt hätte.
So stehst Du zu Deinem Herzen. Es ist im Grunde genommen ein unheimliches Verhältnis. Du hast Dich selbstherrlich an den Gedanken gewohnt, daß Du Deiner selbst Herr bist, daß Dein Körper Dir gehört, daß Dir da niemand was drein zu reden hat. Du gerätst in Wut, wenn Dich einer nur an einem Ohr berührt. Und da sitzt nun mitten in Deiner Körperlichkeit ein Fremdes und wirst sich zum Herrn auf über Dein ganzes Leben. Du kannst Dich nicht freuen und nicht ärgern, nicht ängstigen, nicht betrinken, kannst nicht erschrecken und nicht zürnen, nicht laufen, tanzen, springen, keinen Berg, keine Treppe hinaufgehen, ohne daß dies Fremde in Dir den Zeigefinger hebt und sich in Deine Angelegenheiten mischt. Es ist wie die Gendarmerie im Staat. Solange Du Dich ruhig verhältst, merkst Du nichts von ihr, erst wenn Du randalierst, um Dich schlägst oder Deine Steuern nicht bezahlst, tritt sie in die Erscheinung.
Mit all Deinen Organen stehst Du sozusagen auf dem Grußfuß. Mit Deinem Magen bist Du vielleicht sogar Duzbruder. Er ist ein guter Kerl und läßt sich viel gefallen, bis er aufmuckt. Die übrigen halten sich im Hintergrund, Lungen, Leber, Milz, Nieren - solange sie gesund sind, sind sie bescheiden und diskret und verlangen nur, daß Du sie in Ruhe läßt.
Aber Dein Herz ist immer vorne weg, steckt feine Nase in alle Deine Angelegenheiten, am zudringlichsten, wenn Du Dich verlieben willst. Und dabei dieses unheimliche Gefühl: daß Du nicht weißt, wer Dir diesen seltsamen Gast aufgehalst hat und in wessen Auftrag er handelt.
Aber was wäre das Leben ohne seine ewigen Rätsel? Wer interessiert sich noch für gelöste Rebusse?