Er machte schon von weitem sein grimmiges, agressives Gesicht. Ich wußte, er würde mich wieder einmal stellen.
Als er auf fünf Schritte an mich herangekommen war, stieß er seinen Spazierstock vor sich in Fechterstellung auf den Boden, richtete das Kinn grade aus und schnanzte mich von ganz hinten aus dem Kehlkopf n. mit malmenden Zähnen an:
„Sie, mit Ihnen habe ich ein Hühnchen zu rupfen.“
„Das wäre?“
„Das wäre, daß Sie seit Wochen in einem fort über den sogenannten Zeitgeist braddeln. Man kann keine Zeitung mehr aufmachen, ohne daß man aufgefordert wird, in Übereinstimmung mit dem Zeitgeist zu denken, zu fühlen, zu bauen, sich zu kleiden, zu tanzen, zu schreiben, zu reden und was weiß ich noch alles. Also, was verstehen Sie unter Zeitgeist? Ich bitte um eine klare Antwort, schwadronieren ist nicht!“
„Na, Herr Grimmberger, ich dächte, über den Begriff Zeitgeist ist sich doch jeder Gebildete ganz von selbst klar.“
„Da haben wir’s! Hab ich mir gleich gedacht! Wenn Sie vor lauter Bäumen den Wald und vor lauter Nebel die eigene Hand nicht sehen, dann ist es ganz von selbst, ganz ohne weiters klar. Also ich stelle fest, daß Sie selbst nicht wissen, was Sie unter Zeitgeist verstehen!“ Und er feixte verächtlich und hieb mit seinem Stock eine Prim in die Lust, energisch von oben herunter, dicht an meiner Nasenspitze vorbei.
„Erlauben Sie, Herr Grimmberger, Sie haben mich ja gar nicht reden lassen.“
„Ich bitte drum. Reden Sie, solange Sie wollen. Ich bin neugierig.“
„Also der Zeitgeist, unser Zeitgeist ...“
„Der Geist unserer Zeit, jawohl!“
„... ist der Geist, der sich nach dem Krieg durch den Krieg entwickelt hat. Im Krieg war das Ganze auf Nutzeffekt gestellt, das Gefühlsmäßige war ausgeschaltet. Alles wurde nach seiner unmittelbaren Auswirkung gewertet, Fiorituren hatten keinen Zweck. In diesem Sinn hat sich der Zeitgeist ...“
„Erlauben Sie. Ehe Sie von Zeitgeist weiterreden: Was verstehen Sie unter Zeit?“
„Zeit ist ...“
„Zeit ist, wenn man ...“
„Unter meiner Zeit verstehe ich den Abschnitt der Ewigkeit, in dem meine Generation lebt.“
„Wenn Sie gütigst gestatten wollen, ich bin auch noch da. Wir leben also nicht nur in Ihrer Zeit, sondern auch in der meinigen. Und da der Zeitgeist wahrscheinlich der Geist der Zeit ist, so müßten wir also unter dem, was Sie Zeitgeist nennen, eigentlich einen Geist der verschiedenen Zeiten verstehen, die nebeneinander her ablaufen. Ihr Zeitgeist ist der Geist der zurzeit lebenden und wirkenden Generationen. Welcher von vielen?“
„Natürlich derjenigen, die auf die Ideologie der Zeit den stärksten Einfluß hat.“
„Also?“
„Also der jüngeren. Weil diese das größte Interesse an den Dingen der Zeit hat, weil sie in sie hineinwächst, in ihnen und mit ihnen am längsten leben muß.“
„Aber der Krieg, dem wir den Zeitgeist verdanken, wurde doch von den Alten gemacht. Sie haben ihn ausgeheckt, vorbereitet, durchgeführt. Also waren sie doch auch nicht von Pappe. Die Jungen haben geblutet, freilich. Aber die, die damals jung waren, spüren heute schon im Nacken den Atem der Hintermänner, die noch jünger sind. Und diese noch Jüngeren erheben natürlich den lautesten Anspruch, die berufensten Träger des Zeitgeistes zu sein. Das lasse ich mir nicht gefallen, müssen Sie wissen. Die sollen in ihrer Zeit bleiben, ich bleibe in meiner. Ich habe auch eine Zeit und meine Zeit hat auch einen Geist, und meine Zeit ist noch nicht um. Also lassen Sie mich mit Ihrem Zeitgeist ungeschoren. Es fragt sich schließlich nur, welche Zeit den längsten Atem hat, welcher Zeitgeist am weitesten in die Zeiten wirkt.“
„Dies führt uns zu weit, Herr Grimmberger. Grüß Gott.“
Er lachte höhnisch und sah mir triumphierend nach, während ich das Weite suchte.