Über nichts wird in diesen Tagen so heftig und leidenschaftlich gestritten, wie über das flache Dach. Seine Anhänger sind allesamt bereit, dafür ihr Leben zu lassen, wenn es sein muß. Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab, wie sie sich zum flachen Dach stellt.
Da das Dach vor allen Dingen ein notwendiges, ja das notwendigste Gebrauchsobjekt ist, sollte man meinen, der Streit tobte um Fragen der Brauchbarkeit und Zweckmäßigkeit. Statt dessen wirst man sich im Namen der Ästhetik Grobheiten an den Kopf. Einer behauptete dieser Tage, das flache Dach werde schon deshalb zur ästhetischen Unabweisbarkeit, weil in Zukunft der Verkehr sich in den Lüsten vollziehen werde und jedes Städtebild dem Beschauer von oben einen ästhetischen Anblick bieten müsse, was von dem heutigen Dächerchaos sich nicht sagen lasse.
Bei der Beurteilung der - nennen wir sie Dachfrage - ist dreierlei maßgebend: Zweckmäßigkeit, Ästhetik, Gefühl.
An erster Stelle hat die Zweckmäßigkeit zu stehen. Das Dach muß so sein, daß es seinen Namen verdient und deckt. Ob flach oder schräg, es muß verhüten, daß mir der Regen oder Schnee aufs Kopfkissen träufelt.
Es geht nicht an, daß man jetzt mitten in eine organische Entwicklung hineingreift und sagt: Von heute ab wird es anders. Es ist nötig, daß man sich klar wird, wie und warum etwas so und nicht anders geworden ist, ehe man bestimmt, daß und warum es nun anders werden soll.
Im Anfang war nicht das Haus, sondern im Anfang war das Dach. Denn im Anfang war das Zelt. Als die Urmenschen sich von den Höhlen unabhängig machten, rammten sie Stangen in den Boden, banden sie oben spitz zusammen und umhängten sie mit Zweigen und Blättern oder Fellen. Das waren die ersten Dächer. Sie waren schräg, weil die Urmenschen weder die Technik, noch das Material hatten, ihnen nach oben einen flachen Abschluß zu geben.
Als es ihnen in den Zelten zu eng und zu niedrig wurde, banten sie sie nicht mehr auf den Boden, sondern auf mehr oder weniger hohe Mauern und nannten sie Häuser, das Zelt darauf nannten sie Dach.
Wohnten sie in Gegenden, wo es häufig regnete und schneite, so behielten sie für das Dach die Zeltform bei, weil sie immer noch nicht wußten, wie man flache Dächer bauen könnte, die die Schneelast trügen und kein Wasser durchließen. Im Orient und im Süden, wo die meiste Zeit über die Sonne scheint, legten die Menschen auf ihre Häuser flache Dächer, auf denen sie die Morgen- und Abendkühle genießen, den Mond und die Sterne anschwärmen konnten, ohne vom Verkehr der Straße belästigt zu werden. Auch Wäsche konnten sie da über den Dächern trocknen, die man im Norden unter den Dächern trocknen muß.
So weit über die Zweckmäßigkeit. Nun kommen Ästhetik und Gefühl an die Reihe. Wenn man bei der Ästhetik noch von Gesetzen sprechen kann, so ist das Gefühl einfach ein individuelles Produkt, ein Niederschlag von Neminiszenzen.
Kein ästhetisches Gesetz spricht gegen das flache Dach, in Grönland so wenig wie in Algerien. Das flache Dach der Reinhardt’schen Handschuhfabrik im Stadtgrund ist nicht weniger ästhetisch, als daneben das schräge Dach der Funck’schen Branerei. Grade wie in einer Landschaft eine Pappel so ästhetisch wirken kann, wie eine Buche, eine Fliederhecke nicht malerischer als Latschengestrüpp oder Ginster.
Das Gemüt aber klammert sich an persönliche Erinnerungen: An einen Blick ins Tal, über die Häuser von Clerf, oder Wormeldingen, oder Bacharach, mit ihren alten Schieferdächern, an einen Nachmittag im schummerigen Dämmerlicht des Speichers, wo die Kisten und Kasten mit den vergessenen Schriften und Büchern und Spielsachen stehen, wo man mit Kusinen Versteck spielte oder mit brennenden Augen verbotener Lektüre pflog.
Aber solche Gefühlswerte sind nicht Werte an und für sich und nicht ewig. Sie werden mit der letzten Generation verschwinden, die sie aus ihren Erinnerungen gewonnen hat und neuen Geschlechtern werden aus flachen Dächern neue Gefühlswerte wachsen.
Also baut meinetwegen Eure neuen Dächer schräg oder flach, aber sorgt erstens, zweitens und drittens dafür, daß sie wasserdicht sind.