Original

18. Dezember 1927

Es gibt da und dort im alten Luxemburg noch solche Räume, die durch patrizierhafte Ausmaße, durch eine undefinierbare Deftigkeit an allerhand Verklungenes erinnern. Als Kind kam man dann und wann in die Stadt und trug aus solchen Häusern Eindrücke von Unnahbarkeit und Abgeschlossenheit ehrfurchtsvoll nachhaus, wo alles wieder so nah, so herablassend, so vertraut war.

Diesmal war es im Wartezimmer des Arztes. Ganz genau zwölf Leute saßen rundherum an den Wänden. Alte und junge Damen, Greise, Arbeiter in staubigem Schuhwerk und abgenützten Ledergamaschen. Keiner sprach ein Wort. Hie und da Geflüster, wie aus einem Beichtstuhl in totenstiller Kirche. Im Amerikaner glühte und brummte es traulich. Einer hatte sich an den Tisch gesetzt und versuchte, sich in eine alte Nummer der Annales zu vertiefen. Er gab es auf und ging wieder in Rückendeckung. Ich weiß aus Erfahrung, daß es Stunden dauert, bis man dran kommt, und hatte mir einen englischen Roman als Lektüre mitgenommen. Aber um mich herum war alles interessanter, als der englische Noman.

Da war zum Beispiel der Fußboden. Man geht darüber, wie über ein Stück Geschichte. Dies Parkett besteht aus großen Platten von Eichenholz in Rautenform. Das Holz ist längst tot, es ist nicht mehr wie Holz, sondern wie Bronze. Unwandelbar, wie gewachsene Vergangenheit, an der nichts mehr zu ändern ist. Diese Rauten waren sicher schon aus uralten eichenen Kirchenstühlen geschnitten.

Sie bilden am Boden Figuren, in die man sich hinein verliert, wie in chinesische oder japanische Kultur. Erst sieht es nach nichts aus, und dann entdeckt man einen unheimlichen Formenreichtum. Bald geht ein Band im Zickzack von rechts nach links, bald von oben nach unten, bald umgekehrt, bald grade, bald quer. Die Rauten schießen auf einmal kristallisch zu Sternen zusammen, oder stellen sich plötzlich als Würfel dar, von denen jede Seite abwechselnd der Deckel, die Vorderoder Seitenansicht ist, während jedes der drei in der nächsten Sekunde wieder zum Bestandteil eines neuen Würfels wird. Oder die ganze Fläche teilt sich in Pentagone auf, die vom Fenster her das graue Licht auffangen, wie es von den getünchten Mauern des engen Hofraums hereingeworfen wird.

Dann entsteht im Gang draußen Bewegung, das Mädchen führt einen neuen Patienten herein, der blinzelnd nach einem leeren Stuhl Ausschau hält. Oder es ist der Arzt, der den Nächsten herausbittet. Man merkt gleich, wer der Nächste ist, wenn draußen eine Türe geht. Er nimmt sich zusammen und sorgt, daß ihm keiner den Rang streitig macht.

Der Arzt erscheint in der Türe. Er erscheint nicht nur so mir nichts dir nichts, er ist eine Erscheinung, ein Losgelöstes und Gehobenes über all dem armen Menschtum, das von ihm Erlösung, Rettung, zum mindesten Linderung hofft. In dieser stillen, erwartungsvoll stillen Kirche ist er auf einmal der Priester, der Beichtvater.

Der Arzt, dem du in Gesellschaft, im Theater, im Casé, auf der Straße begegnest, ist ein Mensch, wie alle andern. Hier, in seinem Wartezimmer, vor der schmerzlichen Gespanntheit dieser Seelen, die von Angst und Erwartung voll sind, wird er zum Stellvertreter der Gottheit. Jedes von denen, die hier sitzen, will sich ihm offenbaren und klammert sich an sein Wissen. Alle fühlen, hier ist das Sprungbrett in ein neues Leben ohne Angst und Schmerz oder das Vorzimmer zum Friedhof. Von ihm hängt alles ab. Durch sein Wartezimmer geht unaufhörlich ein aus Verzagen und Hoffen gewobenes Band.

Eine Stunde in solchem Wartezimmer ist eine heilsame Übung. Es kann daraus Trost wachsen für Verzagte und Zurechtweisung für Übermütige. Wer selbstquälerisch aus seinem Leid sich ein wollüstiges Martyrium zurechtmacht, wird beschämt durch einen schlichten Arbeiter, einen hünenhasten, breitschultrigen Gesellen, der sich eine Stunde von seinem Tagewerk abstiehlt, um Klarheit darüber zu erhalten, wo der Wurm an seiner Kraft nagt. Wer es mit seinem Übel zu leicht nimmt, wird durch den Ernst der Umgebung zur Einkehr geführt.

Es gibt Kirchen, in denen keine Altäre stehen und keine Kerzen brennen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3588