Original

20. Dezember 1927

Ich merke, es geht nicht anders. Wir müssen einen Verein gründen. Einen Antikruntverein.

Soeben begegnete mir ein hochgebildeter, gutgewachsener, geistig durchaus normaler, wohlerzogener, vorzüglich beleumundeter junger Mann aus guter Familie und in gehobener Stellung, der mich über die Straße herüber fragte (oder frug): „Hut der mei Bre’f krunt?“

Mir zuckte die Hand nach der Gesäßtasche, wo im Ernstfall der Revolver steckt.

Also wenn das Hollericher Gaswerk nur ein bißchen Chemikalien in die Petruß laufen läßt, schreit die ganze Bürgerschaft von Hollerich bis Pfaffental über skandalöse Verunreinigung des betreffenden Wasserlaufs. Und hier wird vor aller Augen und Ohren, am hellen Tag, zu jeder Stunde nicht ein Bach auf ein paar Kilometer weit, sondern die Sprache unseres Volkes von Beßlingen bis Schengen, von Martelingen bis Echternach verunreinigt. In unerhörter Weise verunreinigt, durch ein Imperfektum statt eines Perfekti, was ein Armutszeugnis ist, eine Kulturlosigkeit, eine Ketzerei, ein Sakrileg, eine Gotteslästerung, eine Brunnenvergiftung, schlimmer, eine knotenhaste Geschmacklosigkeit.

Wie das kam?

Wir hatten von jeher das Unrecht, daß wir uns an unserm Sprachgut freiwillig und kurzsichtig durch den Verzicht auf das Imperfektum verarmen ließen. Wir führten die Formen der unvollkommenen Vergangenheit nur noch bei vereinzelten Zeitwörtern: Gehen (gung), stehen (stung), geben (go’w), hängen (hung), sagen (sot), fragen (frot) und einigen andern. In den weitaus meisten Fällen halfen wir uns mit dem Perfektum, was dann rückwirkend sich an unserm Hochdeutsch rächte, indem wir auch da aus Scheu vor dem Imperfektum uns überall als Outsider verrieten.

Im Ösling standen sie immer dem Geist der Sprache näher, und es ist nicht ausgeschlossen, daß durch die zunehmende Verbreitung des „Renert“ mit seinen öslinger Kapiteln das Verständnis für die Schönheit der verkümmerten Konjugationsform wieder erwachte.

Jedenfalls ist es noch kaum ein Menschenalter her, daß die Form „krunt“ als Imperfettum von „tre’en“ allgemeiner aufkam und eifrig auch von der Hauptstadt übernommen wurde. Das war wieder einmal etwas Neues. Und nun geschah mit dieser Form, was umgekehrt schon mit einer andern geschehen ist. Den Städtern hatte eines Tages das gemütliche „gemäät“ der Escher Gegend derart imponiert, daß sie darauf ihre ganze Kenntnis der Sprache von draußen aufbauten. Wollte einer einmal komisch wirken und bäurisch reden, sagte er: „Merr hu gemäät.“ Und weil er so durchschlagenden Erfolg damit hatte, machte er sich auch ein Infinitivum „määten“ zurecht und sagte: „Wat gi mer elo määten?“

Genau so erging es unserm „kruut“. Es schlug ein ‚und da konnten die Stadtfräcke mit ihrem Modefimmel nicht genug davon bekommen. Das Imperfektum genügte ihnen nicht mehr, sie brachten ihr neues „kruut“ an, wo es nur ging, und auf einmal hieß es nicht nur richtig: „Ech kruut,“ sondern auch grundfalsch: „Ech hu kruut,“ statt: „Ech hu kritt.“

Jedem, der für einen Sou Sprachgefühl hat, muß dies „kruut“ unter den Zähnen knirschen. Sie sagen doch auch nicht: „Haben Sie meinen Brief erhielt?“ Oder: „Wieviel Caritasmarken haben Sie am Schalter bekam?“ Oder: „Wieviel Küsse hat dir gestern abend dein Schatz gab?“

Vielleicht ist einer gottverlassen’ genug, um zu behaupten, „kruut“ sei das Persektum und das Imperfektum laute „kro’g“. Nein, „kro’g“ entspricht dem rheinischen „krag“ für kriegte, und „kruut“ ist die luxemburgische Form, die aus kriegte entstanden ist. (Oder aus der das hochdeutsche kriegte entstanden ist?)

Kostenfreie Anmeldungen zum Beitritt zum Antikruutverein nimmt, davon bin’ ich überzeugt, Herr Professor Dr. Jos. Tockert jederzeit gerne entgegen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3589