Original

21. Dezember 1927

A propos, wie geht’s Euch denn da draußen überall, von Banschleiden bis Grevenmacher, von Redingen bis Rosport, was tut Ihr, was treibt Ihr, seit wir uns nicht mehr fahen? Jawohl, ich weiß - der Vater geht auf und ab und wenn er hustet, dann lacht Ihr, Aber im Ernst! Es fällt mir schwer aufs Herz, daß ich so lange nicht an Euch gedacht habe. Man ist im Grund der Seele doch ein undankbarer Eigennützer. Der Sommer ist gangen ..... Ihr seid alle miteinander das Jahr hinunter getrieben, bis hinter die Winternebel ..... Die Tische und Stühle sind von den Terrassen hineingetragen worden, die Krammetsvögel sind vorbei, das Leben hat sich um den brummenden Ofen zusammengezogen. Wir finden keinen Weg mehr hinaus. Wir kleben wie Fliegen am Treibriemen des Tagewerks und fahren rundherum, den Tag hinauf und die Nacht herunter, rundherum, hinauf, herunter. Dann eines Tages, wenn es schon so lange her ist, daß man meint, man sei seither über ein ewiges Meer gefahren, dann fallt Ihr uns wieder ein. Ihr taucht in der Ferne auf, wie ein Ufer des Genfer Sees im Morgensonnenschein, mit einem dünnen, blaßrosa Nebelschleier darüber. Wir sehen Euch sitzen und gehen, hören Euch reden und lachen. Wir sitzen wieder zusammen an einem Tisch, im Schatten, während die Sonne scheint, die Maisonne, oder die Juli- oder die Septembersonne. Es ist eine andre Welt, ein andrer Himmelsstrich. Es ist Nizza, es ist der Lido, die Puerta del Sol, die Piazza del Popolo, die Casinoterrasse von Monte Carlo, und es war doch nur ein liebes Fleckchen unserer Heimaierde, nur daß damals die Sonne darauf schien. O Sommer, lieber Sommer, wie ist die Welt so weit! Und die Wasser rauschten nah oder fern, man sah sie behäbig gleiten oder wußte, dort hinter den Erlenbüschen blinken und glucksen sie - denn ein Wasser oder Wässerlein war immer dabei - und jetzt sind sie nach irgendeinem dieser dummen Naturgesetze zu Eis erstarrt. Naturgesetze müssen sein, Gott ja, ich habe nichts dagegen. Aber wäre die Welt denn nicht praktischer einzurichten gewesen? Wenn es sechs bis acht Monate ohne Eis und Schnee geht, warum dann nicht die paar Monate weiter? Der Mensch muß schlafen, die Erde auch, jawohl. Aber könnte denn die Erde nicht in der Sonne schlafen, zum Beispiel wie ein Straßenwärter oder ein Landstreicher? Warum muß denn, während sie schläft, die ganze Heizung abgedreht werden? Die Weisen reden uns immer ein, wir seien die Herren der Schöpfung, die ganze Welt sei unsertwegen geschaffen, damit wir unsere Freude dran haben. Aber der dümmste Unternehmer, wenn er ein Haus baut, weiß, daß er es so bequem wie möglich, mit Zentralheizung, Aufzug, Badezimmer, elektrischem Licht und allem Komsort der Nenzeit einrichten muß. Man merkt der Welt an, daß Zentralheizung und elektrisches Licht noch nicht erfunden waren, als sie gebaut wurde. Der Unternehmer brauchte noch alle die Rücksichten nicht zu nehmen. Und reklamieren hilft nichts.

Also was ich sagen wollte, wie geht es Euch draußen, Neckel, Philipp, Jampier, Mätty, Schang, Kätty, Anna, Mariechen, seid Ihr immer noch munter, immer noch ledig, oder habt Ihr Euch inzwischen verliebt und verlobt, oder habt Ihr nur den Schnupfen? Um so besser. Es sollte mich nicht wundern, wenn ich an einem der nächsten Sonntage mit dem festen Vorsatz erwachte, mich auf die Bahn zu setzen und bei Euch einen Lössel Rindfleischbrühe und „Wermischel“ mitzuessen. Aber voilà, fahre ich Nord oder Süd, Ost oder West? Ich werfe einen Sou in die Luft.

Einstweilen gehabt Euch wohl, laßt Euch das Bier oder den Grächen - ich empfehle beides angewärmt - oder den Korn oder den Kaffee gut schmecken und kommt gut durch den Winter, wie ich es auch von uns verhoffe.

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    Katalognummer BW-AK-015-3590