Original

22. Dezember 1927

Die Tugend wird immer belohnt. Schreiben Sie bitte einen Aufsatz darüber.

Ich weiß einen. Der Vater des jungen Mannes, der sich vom Piccolo zum Hoteldirektor heraufgeschwungen hat, erzählte mir eine Geschichte, die ihm sein Sohn erzählt hat, die wirklich passiert ist und die zeigt, wie die Tugend immer belohnt wird.

Diesmal war es die Tugend der Vescheidenheit, wenn Sie wollen. Oder der Genügsamkeit. Sie werden ja sehen.

Ich gebe dem jungen Mann das Wort.

Ich war, erzählte er, damals in einem Hotel in Taormina in Stellung. Der Name tut nichts zur Sache. Unser Hotel lag grade über dem Landungsplatz der Dampfer. Wir sahen immer die Gäste über den Landungssteg strömen und sich auf die Wege verteilen, die nach den Hotels führen. Die auf unser Hotel zukamen, konnten wir immer schon im voraus rubrizieren und demgemäß auf die freien Zimmer verteilen.

Eines Tages legte einer der großen Dampfer mit einer Reisegesellschaft an, für die vierundzwanzig Stunden Aufenthalt in Taormina vorgesehen waren.

Wir standen auf der Hotelterrasse und sahen die Leute aussteigen. Sie kamen unsern Weg herauf. Vorne lief ein Herr, den wir beobachtet hatten, wie er zu seiner Frau gesagt hatte: Ich lauf schon voraus und bestelle unser Zimmer. Er keuchte allen voran. Dann kamen zwei, drei junge Kerle, denen das Steigen keine Mühe machte. Ein Dicker mit einer Dicken, denen alle fünf Schritte die Lust ausging. Ein Herr im Gehrock mit Rucksack und Strohhütchen, sein Frauchen am Arm. Und so weiter. Alle im dritten Gang, mit dampfenden Kühlern.

Ganz hinten aber kam ein Pärchen, das keinem den Rang ablaufen wollte. Bescheiden hielt es sich zurück, ließ sich von allen überholen, kümmerte sich nur um sich selbst. Dies Pärchen war uns allen, dem Oberkellner dem Portier, dem Sekretär, der Beschließerin, mir, dem ganzen Personal äußerst sympathisch. Sie müssen verstehen, daß alle pressierten Gäste uns von vornherein unsympathisch sind. Während wir uns instinktiv zu denen hingezogen fühlen, die sich Zeit lassen.

Der Abstand zwischen dem eiligen Schwarm und dem bescheidenen, geduldigen Pärchen wurde immer größer. Und dann kam der Moment, wo alles wie ein Dammbruch in die Empfangshalle stürmte. Zuerst der Herr, der seiner Frau vorausgelaufen war. Wir bedauerten, ein Zimmer mit zwei Betten gab es nicht mehr, alle waren bestellt. Die zwei wackeren Dicken brachten wir ziemlich komfortabel unter. Die andern, wie es eben ging. Das beste Zimmer mit zwei Betten hielten wir in Reserve. Es war schon an dem, daß für die Letzten Matratzen aufs Billard, auf Fußböden, in Gänge gelegt werden mußten, da kam das Nachzüglerpärchen. Der Herr sagte voll kindlichen Vertrauens, er werde wohl noch ein Zimmer mit zwei Betten bekommen. Die Umstehenden, die Matratzengäste, lächelten sarkastisch und freuten sich auf die verdutzten Mienen der beiden, wenn sie hören würden ....

„Wie ist Ihr werter Name?“ frug ich da.

„Lehar.“

„Der Lehar?“

„Jawohl, der Lehar.“

„Zimmer Nr. 7,“ bedeutete ich dem Hausknecht, der schon die Hände nach dem Handkösferchen des Herrn ausstreckte. Herr Lehar, denn er war es, wollte offenbar fragen, welcher Zusammenhang zwischen ihm und dem Zimmer Nr. 7 bestehe, aber ich schnitt alle Weiterungen mit einem mehrdentigen „Jawoll, mein Herr!“ ab. Das hieß für die andern: „Ihr Zimmer war bestellt, jawohl.“

Erst später teilte ich ihm im Vertrauen mit, wie er und seine Begleiterin uns durch seine Bescheidenheit imponiert und unser Wohlwollen gewonnen hatten.

Sollte er durch diese Indiskretion in irgendeine schiefe Lage geraten, so kann er immer noch sagen, es sei nicht der Lehar gewesen, sondern der andere.

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    Katalognummer BW-AK-015-3591