Die Älteren von uns wurden lebhaft an die längst verschollene Epopöe der Enzweilerei erinnert, als in der „Voix des Jeunes“ der sympathische Pietro Moltonaso das Signal zum Charivari gegen die Militärmusit gab.
Die Epoche Enzweiler bestand dazumal auch aus Kapitol und Tarpejischem Felsen, aus Verhimmelung und Verhohnepimpelung. Erst schwur man nicht höher, als auf Bachregulierung und Feldbereinigung, dann ging auf einmal das Feldgeschrei um, der Enzweiler habe den ganzen Ackerban in den Sumpf gefahren und müsse gesteinigt werden.
In Pietro’s Philippika gegen die Militärkapelle wird noch an den angeblich verblichenen Glanz erinnert. An die Zeit, wo unsere Militärmusik unsere einzige Institution war, „mit der der Kleine Mann (warum nur der Kleine Mann?) im Ausland renommieren konnte.
Und dann beginnt das Blutbad.
Es bleibt von der ganzen Stabstrompeterei nur ein Häuschen Haut und Knochen übrig. Erst tut Pietro noch einigermaßen gnädig und sagt nur, die Leute fangen an, schlecht zu blasen. Das muß, nebenbei gesagt, sehr schwer sein, allmählich schlecht zu blasen, wenn man sein ganzes Musilerleben hindurch gewohnt war, gut zu blasen.
Dann auf einmal kommt es armdick: „Sie machen die schlechteste Musik, die wir hier zu hören bekommen! Von irgendeiner Anstrengung dieser Soldaten ist keine Spur zu bemerken.“ (Ich wußte nicht, daß bemerkbare Anstrengung auf gute Musik deutet, sonst hätte ich es viel höher eingeschätzt, wenn ich in der Oktav manchmal sah, wie in einer Dorfmusik ein Pistonbläser aus dem Lippenwinkel in sein Mundstück Lust preßte, daß ihm die Augen aus dem Kopf standen.)
Wo liegt aber schließlich der Hund begraben? Man bläst, sagt Pietro, weil man bezahlt wird. Also er will sagen, da man bezahlt wird und schlecht bläst, bläst man schlecht, weil man bezahlt wird. Der Gedanke läßt sich weiter ausspinnen. Etwa so: Bläst man schlecht, weil man gut bezahlt wird, bliese man gut, wenn man schlecht bezahlt würde, oder bläst man etwa schlecht, weil man schlecht bezahlt wird, oder bläst man gut, trotzdem man schlecht bezahlt wird? Ich zweifle teinen Augenblick daran, daß die zuletzt gestellte Frage von den Mitgliedern der Militärmusik wehmütig bejaht würde.
Weiter fragt Pietro: Haben Sie schon unsere Militärmusik in der letzten Zeit etwas anderes blasen hören, als eine Musik, die bereits 1885 nicht gut war? - O ja, kleiner Schäter!
Pietro: Haben Sie schon ein Stück gehört, das Unmusikalische nicht als Quatsch ablehnen? - Fragen Sie die Tausende, die bei den Sommerabendkonzerten der Militärkapelle den Kiosk umstehen und andächtig lauschen und begeistert Beifall klatschen.
Pietro: Stücke, die schon so lange in den Instrumenten sitzen, daß u. s. w.... Um die schlechteste Tanzmusik zu haben, die es anerkanntermaßen in Mitteleuropa gibt, bezahlen Sie einen Tarif, für welchen man anderswo Richard Strauß auf acht Tage verpflichtet. Als Theatermusiker sind die prätentiösen Notenwichser bereits so schlecht geworden, daß die fremden Dirigenten ihren Ohren nicht trauen u. s. w.
Erstens: Ich habe persönlich fremde Dirigenten sich äußerst anerkennend über unser Militärorchester äußern hören.
Zweitens: Wenn die luxemburger Musiker einen Tarif eingeführt haben, so haben sie getan, was alle geschlossenen Gruppen des werktätigen Volkes tun. Hier ist es aber so, daß unter Umständen das werktätige Volk selbst den Musikern und ihrem Tarif als Arbeitgeber gegenüber steht, und da sollen Selbsthilfe und Berufssolidarität auf einmal verpönt sein!!
In einem andern Blatt wird auch erörtert, daß die Militärmusik nicht überall, wo was los ist, gratis zum Konzertieren besohlen wird, daß sie aber manchmal bei Privatveranstaltungen antritt. Wenn sie dafür bezahlt wird, warum nicht? Wenn ein Staatsbeamter im Auftrag einer Privatgesellschaft in seiner freien Zeit einen Vortrag hält, gegen Honorierung, so heißt das nicht, daß er zur selben Dienstleistung gratis bei jedem halb- oder vierteloffiziösen Anlaß befohlen werden könnte.
Also lieber Pietro Moltonaso, Sie haben es gut gemeint, Sie wollten sich Gehör verschaffen und haben darum lauter geschrieen, als notwendig war. Sie hätten das nicht gebraucht. Denn jeder Dilettant, der über Fachleute herfällt, findet beim Laienpublikum williger Gehör, als ein Fachmann. Sie wollen eine befsere Militärmusik. Wir auch. Aber Sie begehen u. a. das Unrecht, daß Sie die Unschuldigen für die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Die Schuldigen sind die Verwaltungsfaktoren, die von jeher mit der Militärmusik knausern - trotzdem irgend jemand sie aus dem Hinterhalt eine reich bezahlte Faulenzerbande nennt - und die u. a. auch nicht dafür sorgen, daß gute und moderne Mufikalien rechtzeitig und ausreichend angeschafft werden.
Aber vielleicht hat Ihr Feuermordjo trotzdem an der richtigen Stelle eingeschlagen.