Original

24. Dezember 1927

Es ist so banal, so selbstverständlich, so brombeerenbillig, wie ein Wahlzirkular. Aber es muß gesagt werden.

Die Welt ist in Aufregung über den Untergang des „S IV“. Fiebernd lesen Millionen von den vergeblichen Rettungsversuchen, ihre Fäuste krampfen sich in ohnmächtigem Zorn und Leid, Frauen fallen in Ohnmacht, wenn sie lesen, daß noch sechs Überlebende in den Torpedoröhren liegen und durch Morse-Zeichen mit Klopfen an ihre Kerkerwand bekannt geben, daß ihre Kameraden tot und sie selbst am Sterben sind. Es schüttelt uns durch alle Fibern, wenn wir hören, daß die Taucher zurückgemeldet haben: „Wir, Eure Frauen und Kinder beten für Euch!“ Tausend Romanschriftsteller haben den Stoff in sich empfangen und werden ihn aus Licht der Welt in einem oder mehreren Bänden gebären. Noch in Jahrzehnten wird man - deerescendo - mit Schaudern an das Unheimliche dieser Katastrophe denken. Den Opfern wird zweifellos ein Denkmal errichtet. Der Admiral, der die Rede bei der Einweihung halten wird, wird eine Träne im Augenwinkel zerdrücken.

Kurzum, es war eine Begebenheit, bei der die Welt aufhorchte und zutiefst in die Gefächer ihres Mitleids griff.

Wenn man ein Streichhölzchen in der Nacht anreibt, leuchtet es auf Meilen weit.

Im hellen Mittag verblaßt sein Schein vor dem Sonnenlicht.

Sie merken, wie es gemeint ist.

Die Welt hat sich über den Krieg, der nach ihr genannt ist, nicht so tief entsetzt, wie über den Untergang des „S IV“. Die Witwen und Waisen der amerikanischen Unterseebootleute genießen eine Vorzugstellung gegenüber den Millionen jener andern, denen der Krieg Gatten und Väter im Massenbetrieb genommen hat.

Ist es wirklich Heuchelei, diese inbrünstige Teilnahme an einem Unglück, dessen Opfer kaum nach so viel Dutzenden zählen, wie die des Weltkriegs nach Millionen? Ist es eine Entschuldigung, wenn es heißt: Ja, im Krieg war man durch die Enormität aller Greuel abgestumpft, aber diese Katastrophe platzt mitten in den Frieden hinein, da darf man sich schon aufregen.

In den Frieden? Das Unterseeboot „S IV“ war nicht im Frieden. Die Kriegsschiffe sind im Manöver immer im Krieg, so gut wie die exerzierenden und manövrierenden Bataillone des Landheeres beständig im Krieg sind. Sie machen unaufhörlich die Gebärde des Krieges, das Ganze ist eine Maschine, die von Zeit zu Zeit leer läuft, wie eine Traubenmühle, wenn der Mann an der Bütte nicht grade eine Schaufel voll Trauben aufschüttet. Es kommt vor, daß zwischen zwei Schaufeln durch Zufall ein paar einzelne Beeren in die Mühle geraten. Dann heißt es, ein Dampfkessel ist explodiert, oder ein U-Boot wurde gerammt. Ein Schrei des Entsetzens geht durch die Lande, die Welt tut, als ob ein Unerhörtes geschehen wäre, bringt Himmel und Hölle in Aufruhr, um zu retten, was zu retten ist, macht Herrgott und Teufel für das Unglück verantwortlich und findet es ganz selbstverständlich, daß die Massenmordmaschine, die jetzt per Zufall ein paar Menschen umgebracht hat, immer weiter läuft, um gerüstet zu sein, wenn der Hochbetrieb einsetzt, wenn einmal wieder die Millionen dran kommen, immer vollkommen gerüstet, damit kein Zeitverlust entsteht und in denkbar kürzester Zeit die denkbar größte Anzahl von Menschen hingemacht werden.

Das Gegenteil hieße Abrüstung.

Aber so weit scheinen wir noch nicht zu sein. Die Menschheit ist in ihrer Gesamtheit noch nicht ein Bild der guten Gesellschaft im Kleinen, wie sie es sein müßte. In der guten Gesellschaft hat man es nämlich dahin gebracht, daß man Meinungsund Interessen-Konflikte nicht mehr mittels Fäusten und Knüppeln, Messern und Revolvern austrägt. Man hat dafür die Gerichte aller Art.

Die Völker dagegen sind über die primitive Art der Auseinandersetzung noch nicht hinausgekommen. Sonderbar, daß grade die, die in der Gesellschaft zu unterst stehen, behaupten, sie seien die größten Gegner der Prügelmethode im Verkehr zwischen den Völkern, und daß viele der obern Zehnlaufend aus der guten Gesellschaft mit Begeisterung vom Krieg reden, dem vergangenen und erst recht dem zukünftigen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3593