Original

25. Dezember 1927

Lieber Fips! Also du bist nicht mehr. Fern von deiner brasilianischen Heimat, wo die Palmen in der Sonne wedeln und die Berge Zuckerhüte heißen, um zu verkünden, wie süß es sich da leben läßt, fern von den Deinigen, die in Sehnsucht deiner gedeuken, bist du hinübergegangen worden in das Dunkel, in das alles helle Leben mündet.

Ich kann mir denken, was du für ein erstanntes Gesicht machtest, als dir Herr Leander Spartz die Strychnin-Nadel in die Haut steckte. „Was ist denn das für ein neues Spiel?“ wirst du gedacht haben. „Sie waren doch immer alle so nett zu mir, warum tun sie mir auf einmal so weh?“

Weiter kamst du nicht in deinen Gedanken. Deine Äuglein, die immer erstaunte Blicke schnellten, wie Kirschkerne, brachen plötzlich, die Lichtchen darin erloschen und der arme Fips war zu seinen Vätern versammelt.

Ich kannte dich nur flüchtig, aber du hast mir einen tiefen Eindruck hinterlassen und ich werde dir das beste Andenken bewahren.

Ruhe sanft! Du warst einer von den Affen, die es uns mundgerecht machen, daß wir von ihnen abstammen. Sie sagten von dir, du seiest genau ein kleiner, ganz kleiner Mensch. Du hast sicher von uns gedacht, daß wir große, ganz große Affen sind.

Ich möchte überhaupt wissen, was hinter deiner flachen Stirn, in deinem schwarz behaarten Köpfchen vorging. Denn daß darin allerlei vorging, ist sicher. Du hast dir über die Dinge und Menschen um dich herum totsicher deine Gedanken gemacht. Aber du hattest vor uns den großen Vorteil, daß du sie nicht in Worte kleidetest. Du machtest von der Gabe der Rede keinen Gebrauch. Das war von dir äußerst weise. Erstens kamst du dadurch nicht in Gefahr, Dummheiten zu sagen. Diese Gefahr ist für uns größer, als wir es ahnen. Sie ist um so größer, als wir oft zu spät erfahren, daß wir ihr nicht entgangen sind.

Durch dein Schweigen, lieber Fips, hast du es zweitens fertig gebracht, deinen Ruf als Philosoph bis an dein Lebensende zu behaupten. Dem Verschlossenen trauen die Leute immer mehr zu, als dem Redseligen, oft mehr, als hinter ihm steckt, was ich nicht für dich gesagt haben will. Gar mancher, der sich für einen Ausbund von Klugheit hält, hat sich durch vieles Reden drunter durch gemacht - wofür ich wirklich keinen adäquateren Ausdruck finde.

Von dir, lieber Fips, kann niemand bei deinen Freunden behaupten, du habest Bosheiten gegen sie herumerzählt. Daß zum Beispiel die Frau Himmelblau sich einen Hut geborgt hat, der ihr steht, wie ein Kuhfladen, daß Frl. Immergrun krumme Beine und Herr Schwefelgelb Plattsüße hat. Das alles darfst du denken, ohne zu befürchten, daß es die Betreffenden je ersahren und dich deshalb schnöde schneiden werden.

Also bei dir war die Forderung erfullt: Keine Worte, nur Taten!

Du bist nicht mehr! Wo werden sie dich begraben haben? Über deiner kühlen Gruft werden keine Palmen rauschen. Aber das ist dir egal. Wenn man tot ist, ist es einem in der Regel egal, welche Baumsorte über einem rauscht. Meistens auch, was die Zeitungsblätter rauschen. Man müßte denn grade ein Dichter oder Feuerwehrhauptmann sein. Vielleicht warst du ein Dichter, lieber Fips. Es leuchtete zuweilen nicht unlyrisch in deinem Blick. Aber das kann auch die Freude an der Haselnuß gewesen sein, die du aufknacktest.

Je mehr ich über dich schreibe, desto tiefer bedaure ich deinen Hingang. Ich hätte so gern nähere Bekanntschaft mit dir gemacht. Ich bin überzeugt, ich hätte bei dir vieles lernen können, was mir im Umgang mit meinesgleichen von Nutzen gewesen wäre.

Dein frühzeitiger Tod gibt zu allerhand Erwägungen Anlaß. Du warst für deine Umgebung eine Gefahr geworden, darum mußtest du sterben. Trotzdem ist es schade um dich. Viele von uns sind für ihre Umgebung eine Gefahr. Schlimmer, eine Plage. Es wäre nicht schade um sie. Aber Herr Spartz darf ihnen kein Strychnin einspritzen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3594