Original

28. Dezember 1927

Grimmberger war wieder einmal wütend. Es dauerte eine Weile, bis er mir sagen wollte, warum.

„Also am Weihnachtsabend wollte ich mir eine vergnügte Stunde bereiten. Ich saß allein zuhaus, hatte mir eine Flasche alten Burgunder heraufgeholt - Hospice de Beaune 1919 - eine Havanna angesteckt, eine richtige, uralte, schokoladebraun, weiß brennend wie Zahnpulver - und vom Regal wollte ich mir „Hugdietrichs Brautfahrt“ langen, von Rideamus, Sie wissen ja. Ich hatte das Buch vor Jahren von einer inzwischen verheiratet gewordenen Nichte geschenkt bekommen und es war mir daher doppelt wert. Ich glaubte, nur die Hand darnach ausstrecken zu müssen. Prost Kuchen! Es war nicht mehr da. Zwischen Willy’s Werdegang und den Gedichten von Mörike klaffte ein dünner Spalt. Da hatte es gesteckt. Es stak nicht mehr da. Sicher wieder so’n Kerl, dem ich es vertrauensvoll auf einen Tag oder zwei geliehen habe und der es in seine Bibliothek gestellt, oder es weiter verliehen hat und weiß nicht wem. Man soll unerbittlich sein, kein Buch ....“

„Freilich soll man das, lieber Herr Grimmberger. Aber man ist zu gut. Man will immer, daß die andern teilhaben, daß sie alle Bücher lesen, die man selber gut gesunden hat. Wieviel habe ich so hinausgeliehen und nicht wiedergesehen! Da ist zum Beispiel mein schöner Schinderhannes. Den wollte ich auch am Weihnachtsabend lesen, weil ich ein wenig in meinem Glauben an die Menschen wankend geworden war. Nicht zu finden. In alle Ecken meiner Bücherei habe ich geleuchtet, fort!“

„Sie brauchen mich nicht so sherlockholmessig anzufunkeln, ist habe ihn nicht!“

„Nein, Sie haben ihn nicht, das weiß ich. Er hat sich verkrochen. Es gibt Bücher, die sich verkriechen. Wie unsere Schildkröte im Garten. Es kann sein, eines Tages ist sie wieder da, tut unschuldig, als sei sie immer da gewesen, als habe man nur nicht genau genug hingesehen. Oder sie kann auch geklaut sein und kriecht in einem fremden Garten herum.“

„Reden Sie nicht mehr davon. Ich will mir nicht die Gelbsucht ins Blut ärgern. Aber Rideamus, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, und in ihrer Art eine Richtung der Chat-Noiristen - sind sie nicht eine Erquickung? Warum wächst so was nicht bei uns? Ist das, weil uns das Leben nie so tief in Bitternis taucht, daß wir uns nur durch Frechheit dagegen wehren können?“

„Wie so, wächst nicht bei uns? Haben Sie die letzten zwanzig Jahre verschlafen? Die Jungen, die vor fünfzehn, zwanzig Jahren im Geist jener wehmütigen Frechdächse und kaltschnauzig lustigen Satiriker schwangen, sind heute im letzten Stadium der matrimonialen Möglichkeit - seelisch und physiologisch - wenn sie nicht schon Familienväter oder fest entschlossene Erbonkels sind.“

„Nie von dergleichen gehört.“

„Herr Grimmberger, das haben Sie davon, daß Sie sich von der Welt abschließen. Sie leben in dem Wahn, von dem Odem des großen Weltgeistes, dessen Hohnlächeln und verschämtes Leid zum Beispiel in Ringelnatzens Versen zu spüren sind, sei kein Hauch von Wasserbillig oder Longwy her über unsere Grenzen gekommen? Sie unter- schätzen die Seele Ihres Volkes. Auch in ihr sind Saiten gespannt, die in brutaler Selbstironie erklingen, in deren Tönen sich eine Lyrik Lust macht, die die Decken herunterstrampelt, weil es ihr darunter zu dumpf und heiß wird, die sich die ranzige Pomade der Sentimentalität von der Haut wäscht und nach kohlensäurehaltigen Bädern und Tränken gelüstet.“

„Zum Beispiel?“

„Gestatten Sie, Herr Grimmberger, Sie haben jene Spitzenreiterpoesie gelesen, von der Sie sprachen, Sie wissen, daß ich wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften verfolgt werden könnte, wenn ich manches und nicht das Schlechteste daraus hier abdrucken wollte. Aber ich zitiere eine Strophe aus Putty Stein’s Lied von der luxemburger Heimat, Sie werden sehen, daß wir nicht in der Bählammpsyche unserer Großtanten verharren.“

„Ich bin neugierig.“

„Also singt Putty:

„Du meng Hemecht LetzeburegStark am Soff a soß net ueregHuewermiel get HuewerpankechWann et peist, da könnt den Zuch!“

Nie habe ich Herrn Grimmberger so herzhaft lachen hören. Ich mußte ihm die Strophe nochmals vorsingen. Er wieherte und schlug sich auf den Oberschenkel, daß es klatschte und ein Polizist langsam, uns scharf ins Auge fassend, näher tam.

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    Katalognummer BW-AK-015-3595