Original

30. Dezember 1927

„Eetsch!“ sagte der Ofen zur Zentralheizung. „Jetzt bist du aufgeschmissen mit deiner hochnäsigen Vornehmtuerei. Du druckst und druckst und bringst es bei diesem Nordost, der zu allen Nitzen hereinbläst, nicht über 14 Grad Celsius. Und die Leute frieren daß Gott erbarm und wünschen dich zum Henker und sich ins Pfesserland, wo es so warm ist, daß man keine Heizung braucht.“

„Ist es bei dir denn wärmer?“ frug die Zentralheizung schnippisch zurück.

„Allemal,“ sagte der Ofen. „Sieh nur, wie Vater, Mutter und Kinder sich um mich versammeln und vor Behagen grunzen. Das können sie bei dir nicht. Du bist so abweisend einseitig. Man kann sich dir höchstens gegenüber setzen.“

„Du lebst von eitel Vorspiegelung falscher Tatsachen,“ höhnte die Zentralheizung. „Du brummst die Stube voll, und weil du brummst, meinen Vater, Mutter und Kinder, es müsse warm sein. Sie glauben dir aufs Wort, wie einem Kammerkandidaten, der in einem fort redet und verspricht und nie etwas hält. Du lebst von der Einvildungskraft der Menschen. Wenn sie im Theater ein paar künstliche Scheite sehen, zwischen denen eine mit rotem Staniol umbaute Glühbirne leuchtet, so würden sie schwören, den warmen Hauch des Feuers von der Bühne herüber zu spüren. Wenn sie deine Glut sehen und dich brummen hören, bilden sie sich die fehlenden Katorien ein.“

„Aus mir spricht der Neid. Weil du nicht brummen kannst. Du kannst nur mit Wasser glucksen, wenn es hoch kommt.“

„Sei nur still. Es wird schon noch einer kommen, der den Wert der Stimmung nach Pferdekräften einzuschätzen weiß und einen eigenen Brumm- und Glüh-Apparat für mich erfindet. Dann werden sich Vater, Mutter und Kinder bei 12 Grad Celsius in Abrahams Schoß wähnen, nur weil sie mein beflissenes Brummen hören.“

„Und das soll dir einer glauben! Wo du nur warmes Wasser im Leib hast!“

„Aber das steigt von selber die Stockwerke herauf. Niemand braucht Kohlen zu schleppen, niemand den Kohlenstaub von Treppen und Zimmerböden wegzufegen.“

„Dafür wissen bei der die Menschen nicht, wo sie mit all dem Papier und sonstigen Unrat bleiben, den sie mir in den Rachen werfen. Ich nehme ihnen alles ab, erlöse sie von allem Unbequemen, ja Gefährlichen, das sich um sie ansammeln kann, Haselnußschalen, Tabakasche, Liebesbriefe und dergleichen.“

„Damit ist der Unordentlichkeit Vorschub geleistet. Wo ich in einem Hause bin, da herrscht Ordnung, da hat jegliches Ding seinen Platz, die Tabakasche, die Raßschalen und die Liebesbriefe.“

„Du scheinst dich ja in merkwürdiger Gesellschaft zu bewegen.“

„Prüde bist du auch noch! Du hast ja von den Liebesbriefen angefangen.“

„Ich meinte nur so. Es können auch unbezahlte Rechnungen sein.“

„Immer besser!“

Und immer wütender stürmte der Nordost, immer zorniger klang sein Geheul, immer kälter blies er durch alle Nitzen. Die Sonne aber stand hoch am Firmament und schien so blank, wie nie im Sommer. Sie hörte dem Zwiegespräch zwischen Ofen u. Zentralheizung zu und lächelte. Denn was die beiden an knapp bemessener Wärme unter Aufbietung ihrer äußersten Leistungsfähigkeit den vor Kälte schlotternden Menschen spendeten, war doch nur schwache und mühsame Ausströmung aus ihren, der Sonne, Jahrtausende alten Aufspeicherungen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3597