Original

31. Dezember 1927

Als der Nordost so ungestüm heischend, so wütend verbissen um die Häuserecken heulte, fiel mir ein: Ob er vielleicht hungrig sei? Draußen, wo die tausend Schiffe mit den verängstigten Menschen auf den Wogen tanzen, findet er willkommenes Fressen, aber hier muß er heulen, wie ein Raubtier hinter Gittern, das die Menschen, die es zerreißen möchte, mit den Tatzen nicht erreicht.

Hut huh! huunuh! Genau wie Hungergeheul. Wer so heult, gehorcht einem Lebenstrieb. Wie einer Angst vor dem Tod, der nach ihm greift.

Wo hörte ich das Geheul? Richtig, damals, bei den Schweinen (mit Verlaub zu reden). Das Ding Schweinestall war hier ins Große gewachsen und vielfältig, systematisch, rechteckig kristallisiert, zu einem saubern, langen Mittelgang und rechts und links einer Reihe gleich großer Buchten, an denen vorne der Freßtrog, hinten die Konsequenz dazu vorbeiführte; dazwischen lagen auf rotem Plättchenboden malerisch gruppiert die besagten Schweine.

Über dem Ganzen waltete ein Schweinemeister. Er war hier die Vorsehung. Er war für das rund halbe Tausend Schweine das Prinzip alles Guten und Schlechten. Er war ihnen, was der Blume die Sonne, was dem Gläubigen der liebe Herrgott ist. Was sie Gutes oder Böses erwarten konnten, erwarteten sie von ihm. Er spritzte ihnen, wenn sie es nötig hatten, die borstige Schwarte mit dem Wasserschlauch ab, er ließ sie rottenweise ins Freie, er ließ die Futterschlempe in den Trog laufen, er öffnete ihnen das Gatter zum Trog.

Sie werden morgens einmal und abends einmal gefüttert. Ihre Futterzeit ist jedesmal ein Stück Weltgeschichte in der Westentasche.

Wenn sie herannaht, herrscht unter den Schweinen äußerlich Ruhe. Aber innerlich geht durch sie eine Unruhe, wie durch die Völker kurz vor der Revolution. Wie wenn ein Beaumarchais unter ihnen aufgestanden wäre und Figaros Hochzeit und den Barbier von Sevilla geschrieben hätte. Ungläubige Velleitäten erfassen ihre Schweineseelen. Es ist ihnen, als müßten sie an der Güte und Gerechtigkeit und Allmacht des Schweinemeisters zweifeln.

Törichte Schweine! Ihr könntet es doch nachgerade wissen. Es spielt sich doch immer alles ganz genau auf demselben Weg und auf dieselbe Weise ab. Ihr habt doch immer gesehen, daß es am Ende gut gegangen ist! Aber Ihr seid eben arme dumme Schweine, die nicht räsonieren, die sich jedesmal, wenn sie hungrig werden, betrogen glanben und sich ihr Recht auf Fressen gewaltsam vom Himmel herunterreißen und schreien und nicht warten wollen, bis es ihnen nach der festgefügten und vernünftigen Hausordnung zuwächst.

Jetzt läßt der Schweinemeister den dicken, hellbraunen, dampfenden Quell der brotduftenden Schlempe in den Trog laufen. Und im Nu wird aus dem scheinbar behäblgen Hingeflözisein ein betäubend gellendes Chaos. Es ist ein - fast hatte ich geschrieben unmenschlicher Ton. Aber auch einem halben Tausend Schweine hätte man dieses Tonphänomen nicht zugetraut. Es preßt sich an die Trommelfelle, wie ein blendendes Licht an die Netzhant, es ist ein wahnsinniger Druck wie von Schwingungen, die auf einem höchsten Höhepunkt in verrückten Zuckungen durcheinanderlaufen. Fünfhundert verzweifelt verkrampfte Schweinekehlen schnellen ein todbanges, wahnsinniges Geheul aus fünhundert aufgesperrten Schweinerüsseln, in tausend Schweineäuglein malt sich die Verzweiflungsangst vor dem Hungertod, taufend Vorderbeine kämpfen brutal den Kampf ums Vornesein, fünfhundert rosige oder schwarzweiße Schweineleiber sind ineinander verwälzt im Drang zum vollen Trog, der immer noch hinter dem unbarmherzigen Eisengatter duftet.

Immer auf derselben schwindelnden Höhe hält sich der betäubende, monotone Schrei nach dem Futter, nur ab und zu steigt darüber eine noch gellendere, noch verzweiseltere Einzelstimme, wie bei einer Chorstelle in der Oper der Tenor oder die Diva.

Und dann klappt der Schweinemeister das Gatter zurück und in derselben Sekunde schweigt der Massenschrei. Aus dem Todesmut, der Verzweiflung, dem Wahnsinn, dem Höchsten und Wildesten, was ein Schweineherz bewegen kann, ist plötzlich Ruhe, Zufriedenheit, Genuß, Dank vielleicht für den Schweinemeister geworden, das zerwälzte Leiberchaos hat sich im Bruchteil einer Sekunde zu einer Reihe geformt, wie sie strammer noch auf keinem Kasernenhof sich ausgerichtet hat, wo eines nicht gleich sich eingesügt hat, keilt es sich energisch zwischen zwei Kameraden hinein - handtief sind die Rüssel in den warmen Brei getaucht, lautlos geht der Freßprozeß vor sich - langsam lösen sich aus der Reihe die, die zuerst satt geworden sind, und suchen sich ihren Lieblingsplatz, wo sie mit einem wahrhaft menschlichen Ausdruck unsäglichen Wohlbehagens der Verdauung obliegen. Allmählich sind auch die letzten satt geworden, und bald liegt die ganze Bevölkerung der Bucht, die gemästeten Leiber ineinander geschachtelt, still und zufrieden beisammen.

Bis wieder der Hunger über sie kommt und der Aufruhr von vorne anfängt.

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    Katalognummer BW-AK-015-3598