Lieber Leser, dieser heutige Abreißkalender gleicht dem neuen Jahr. Ich weiß, wie ich es anfange, aber ich weiß nicht, wie es weiter- und wie es ausgehen wird. Wenn im Petrußtal dichter Nebel liegt, sieht man die Brücke noch grade bis dahin, wo sie sich im Nebel verliert. Wenn man es nicht besser wüßte, so wäre man im Unklaren, wohin sie führt, ob sie überhaupt ein Ende nimmt und überhaupt irgendwohin führt. Viele haben schon die Lösung gefunden, daß die Brücke sie zum Ziel geführt hat, ohne daß sie ganz hinüberzugehen brauchten. Indem sie in der Mitte hinuntersprangen. Hier hätten wir also eine der Brücken, die billig, ohne Brückenzoll, ins Jenseits führen. Jede Auslage für Anschaffung einer Pistole, eines Kohlenbeckens, eines Rasiermessers oder einer Portion Zyankali, Strychnin und dergleichen erübrigt sich.
Insofern ist also auch die Brücke im Nebel ein Symbol des neuen Jahres.
Sie erwarten von mir keinen Neujahrswunsch. Aber ich möchte wissen, was Sie alle sich selber wünschen. Seien Sie nur recht vorsichtig. Blicken Sie zurück in die Vergangenheit, erinnern Sie sich an alles, was Sie sich in früheren Jahren gewünscht haben, und stellen Sie sich bitte vor, alle diese Wünsche wären in Erfüllung gegangen. Ich wage zu wetten, daß Sie in mindestens fünfzig Prozent der Fälle auf einen bösen Leim geraten wären. Ich will Ihnen das Gewissen nicht erforschen, aber seien Sie einmal aufrichtig gegen sich selber. Mit den andern fünszig Prozent mögen Sie vielleicht recht gehabt haben. Aber wie gesagt, seien Sie vorsichtig, es könnte ja sein, daß eine gütige Fee Ihnen einmal heimtückisch den Willen täte, und dann säßen Sie da mit der Wurst an der Nase, wie die Frau in jener lehrreichen Geschichte, die ich Ihnen zu erzählen mich wohl hüten werde.
Ich weiß mich mit vielen finanzbeflissenen Mitbürgern uneins in dem Wunsch, das neue Jahr möchte uns die so oft schon angedrohte Stabilisierung des Franc nicht bringen. Warum ihn stabilisieren? Früher hatte er ein goldnes Bein, auf dem er langsam u. schwerfällig herumhüpfte, jetzt hat er acht Papierflügel, auf denen er munter herumflattert. Wir wissen, was wir haben, wir wissen nicht, was wir bekommen würden. Ich nehme es durchaus subjektiv, denke mich in die Haut des Einzelnen, der auf einmal statt mit vielen Papiersranes mit wenigen, allzuwenigen Goldfranes operieren müßte.
Wie wäre ihm zumut, wenn er statt einer stattlichen Ziffer mit drei Nullen, in der das Zauberwort Tausend vorkommt, mit einem schäbigen Hundertergebilde vorlieb nehmen müßte! Sie haben es sich noch gar nicht klar gemacht, wie das Selbstbewußtsein des kleinen Mannes dadurch gewachsen ist, daß er in der Rangordnung der Zahlenwelt um einen Zehner gestiegen ist. Denn die Hundert und die Tausend haben trotz aller Entwertung ihren alten Zauber nicht ganz verloren. Es ist mit einer gewissen Gehobenheit verbunden, daß auch der Mann der untern Hunderttausend heute seine Zeche mit Scheinen begleicht, die früher nur der ganz Raiche auf den Teller mit der Nechnung legte.
Es wird niederdrückend und beschämend sein, wenn wir auf einmal wieder mit den bescheidenen einstelligen Zahlen werden rechnen müssen, wenn wir für einen Humpen nur noch fünf Sous werden bezahlen dürfen und vor dem Kellner mit einem Sou Trinkgeld als schäbiger Kunde werden dastehen müssen.
Ich habe immer behauptet, die Inflation hat zum Sparen angeregt. Man hatte die eingeborene Scheu vor den hohen Ziffern, man brauchte Jahre, bis man sich daran gewöhnte, und auch heute noch faßt man sich insrinktiv an die Brustrasche, wo das Portefeuille steckt, wenn man in einem Schaufenster einen Anzug mit 995 Fr. ausgezeichnet sieht, oder eine Brüsseler Poularde mit 60 Francs.
Das soll nun wieder von heute auf morgen umgekehrt werden. Auf einmal kostet ein Mittagessen nur noch 1 Franc 20, ein Paar Schuhe 12, ein Damenhut sogar nur noch 5 Francs! Wo bei den hochschnellenden Preisen die Schranke war, ist jetzt die Verlockung. Eins zwanzig, das kann man sich leisten! Fünf Francs, Schatzi! Viel zu billig! Nimm den zu fünfundzwanzig! Man hat zu zählen, zu knausern vergessen, die vielen Nullen reihen sich ganz von selbst hinter die Zissern - bis am nächsten Ersten die Katastrophe hereinbricht.
Lieber Leser, hätte ich gewußt, daß ich auf dies Thema geraten würde, so hätte ich lieber gar nicht angesangen.
Trotzdem, prost Neujahr!