Original

3. Januar 1928

In unserer Morgenausgabe vom vergangenen Sonntag stand ein über zwei Spalten langer Aufsatz mit dem Titel „Grigori Jesimowitsch“. Viele werden ihn im Trubel des Neujahrsvormittags und in der Verdöstheit des Silvesterkaters übergangen oder ihn für später zurückgelegt haben.

Die ihn lasen, werden sich von Zeile zu Zeile stärker ergrissen gefühlt haben. Denn da wird, nach dem sensationellen Buch von Fülöp-Miller, das im Grethlein-Verlag erschienen ist, die Geschichte des großen Rasputin erzählt.

Die Literatur über Rußland ist seit Kriegsende bergehoch angewachsen. Bücher über die Revolution, ihre Ursachen, ihre Wirlungen, über die Räterepublik, ihre Finanzen, ihre Wirtschaft, ihr Kunstleben, ihre Kultur, Bücher über alles, was man von Rußland weiß und nicht weiß, sind erschienen. Alle sozusagen hatten den Fehler, daß sie das Haus vor dem Fundament bauten. Daß sie eine Welt von Auswirkungen sichtbar machen wollten und nichts oder wenig Greifbares aussagten über die notwendigsten Bedingnisse dieses Werdens. Über die Untiefen des russischen Menschtums.

Dies ist in dem Buch „Der Heilige Teufel“ getan. Rasputin ist das Riesen-Paradigma, an dem alle Möglichkeiten, alle Formen dieses Menschtums Relief gewinnen. Er ist eine stark vergrößerte Zusammenballung des körperlichen und seelischen Rußlandmenschen, der die Ereignisse auf diesem unheimlichen Plan, wo europäische Gebändigtheit in asiatisch rassinierte Urbestialität übergeht, individuell oder in Massen, immer aber als Extralt dieser Massen gestaltet.

Die Signatur heißt Blut.

Wer zum erstenmal in Spanien einem Stiergefecht beiwohnt, wird zutiefft aufgestört durch die Feststellung, daß hier ohne Trick, ohne Vorspiegelung falscher Tatsachen, öffentlich und am hellichten Tage richtiges warmes Blut direkt aus den Adern gewaltsam vergossen wird, Blut des Stieres, Blut der Pferde, Blut des Torero, wie’s trisst. Im zivilisierten Westen ist Blut ein besonderer Saft geworden und wird es immer mehr. Es ist wie ein Kapital, an das nicht gerührt, von dem nicht gezehrt werden darf, will man nicht verarmen. Das Individuum verschwindet hinter dem Typ, weil das Blut auch im Sinn der Züchtung verebbt.

Die Stiersechterpsyche lebt und wirkt Leben und Tod auch in dem Land, das zuerst Karl Emil Franzos Halbasien getauft hat. Und Rasputin war Jahrzehnte lang der große, angebetete Matador, der alle gegen ihn losgelassenen Stiere abstach, bis er selbst auf die Hörner genommen wurde. Es hat biblische Größe, wie dieser Goliath an rauschender Lebenskraft schließlich totgeschlagen wird wie ein Hund, als Toter in die Newa geworfen, und doch nicht ganz tot noch einen Arm aus den Stricken windet, mit denen seine Totschläger den vermeintlichen Leichnam gefesselt hatten.

Dies Buch arbeitet ellenbogentief in dem menschlichen Rohmaterial, aus dem Rußland gemacht ist, und darin liegt der wilde Zauber, der von ihm ausgeht. Die Schwingungen, die die Mannheit Rasputins aussendet, haben einen Radius, der in alle Seelen, zuerst die der Frauen reicht, in Klöster und Paläste, bis an den Kaiserihron. Er ist ein ins Gewaltige, Weltgeschichtliche potenzierter Landrn, eine brutale Beanspruchung der Überlegenheit des Mannes über die Frau, denn nie hat eine Cleopatra gelebt, deren Geschlecht solche Tyrannei geübt hätte, wie das Rasputins über die Weiber, die in seinem Kielwasser strudelten.

Man begreift an ihm all das Überlebensgroße, das am russischen Koloß so schwer zu begreifen ist. Alle Heiligkeit weicht vor der Wucht, die durch Urinstinkte vorwärts gewälzt wird. Jeder Schlag wird ungeheuerlich durch die Weite, in der er ausholen kann. Alles Persönliche wird winzig, an der Riesengröße des Ganzen gemessen, wenn es nicht auf das Ganze abgestimmt ist.

Raspntins Gestalt hatte die Riesenverhältnisse, die zum russischen Koloß stimmten. Aus seinen Augen stach es unheimlich, tödlich und begehrlich, empörend und unterjochend.

In seiner Erscheinung, so empfinden wir Westliche, ist ein Stück von dem Rätsel Rußland zu lösen, mit allem, was vor, in und nach dem Zusammenbruch wirksam war, ist und sein wird.

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    Katalognummer BW-AK-016-3600