Original

4. Januar 1928

Ich traute meinen Augen nicht.

Es war in den annoch mangelhaft erforschten Talgründen der obern Petruß. (Das ß dient dazu, das weibliche Geschlecht der Petruß zu markieren: der Petrus, die Petruß.) Als ich hinter der Hollericher Kirche die Brücke überschritt, die zum langsamen Weg in städtische Kultur führt, da war es, wo ich meinen Augen nicht traute.

Der Bach war klar. Glasklar. Ich treibe keinen Ulk, ich sage Ihnen, der Bach war klar, wie ein öslinger Forellenwässerchen. Man konnte die Steine auf dem Grund zählen. Man hätte die Jahreszahl auf einem Zwanzigfranestück lesen können, wenn man eines ins Wasser geworsen hätte.

Mein erster Gedanke war an die Anna.

Anna war das Kind armer, aber braver Eltern. Ich weiß nicht mehr, ob sie von Jtzig, Dalheim, Syren oder Schieren oder gar Hoscheid war. Sie kam aus dem reinen Milien ländlicher Sitte in den Sündenpfuhl der Stadt. Hier geriet sie in schlechte Gesellschaft, hauptsächlich durch einen jungen Mann, der sein Dasein auf gesetzlich verbotenen Wegen fristete. Eines Tages begegnete ihm auf einem solchen Wege die Polizei und er wurde eingesperrt. Von diesem Tage an wurde Anna wieder ein braves, reines Mädchen. Sie heiratete zuhaus den Nachbarssohn, mit dem sie schon als Kind auf dem Heuspeicher Versteck gespielt hatte und wurde die ehrsame Mutter eines vielfältigen, gesunden Geschlechts.

Du hast erraten, lieber Leser, daß die Anna nur als Gleichnis gedacht ist.

Anna = Petruß.

Junger Mann = Dreck.

Sowie der Dreck in die Kanalisationsröhren gesperrt wird, wird die Petruß wieder klar und rein, wie vor einem Menschenalter, als noch kein Gaswerk allerhand verdammte Chemikalien hineinlausen ließ.

Vor einem Menschenalter war die Petruß Forellenwasser.

Sonntags nachmittags legten wir uns im Konvikt mit den Ellenbogen auf die Mauer, die den Hofraum gegen das Petrußtal abschließt, und sahen den Eingeborenen zu, die unten in ihren Gärten am Ufer des Baches faßen und angelten. Gegenüber stiegen die Uferhügel steil bis zum Platean hinauf und waren meist mit Weißdornhecken überwuchert. Wenn im Frühjahr der Weißdorn blühte, unterschied man sein Weiß nicht immer von dem Weiß weiblicher Kleidungsstücke, die dazwischen in Jungemännerbegleitung in die Erscheinung traten. Hüben zersielen die Zuschauer an der Mauerbrüstung je nach Veranlagung in solche, die mehr Interesse für den Angelsport und solche, die mehr Interesse für die Botanik im allgemeinen und die Weißdornblüte im besondern hatten.

Als ich auf obgemeldter Brücke die Petruß in so jungsräulicher Klarheit erstrahlen sah, überließ ich mich in meinem jugendlichen Optimismus schönen Zukunststräumen. Ich sah etwa folgendes Bild: Sonniger Sonntagnachmittag. April, Mai, Juni, Juli, August, September, bis in den Oktober hinein. An der Geländebrüstung zu beiden Seiten der Neuen Brücke sind die Zuschauer aufgereiht, wie die Tauben auf dem Dachfirst. Sie sehen den Forellenfischern im Tal zu, unterstreichen einen Meisterwurf, eine schöne Ländung mit Applaus. Warum sollen in der Petruß keine Forellen gedeihen? Haben Sie nie in Baden-Baden, dicht an den großen Hotels, wo die Oos in ihrem gepflasterten Bett vorbeiglitzert, von einer Brücke herunter die Prachtforellen stehen sehen? Warum soll die Espunktipunkttepunktepunkt (S. i. t. e.) nicht darauf bedacht sein, durch methodische Pflege des Forellenbestandes in der Petruß von Hollerich bis Grund eine Attraktion für Luxemburg zu schaffen, wie sie weit und breit nicht bestünde? Bedenken Sie die Fischpachten, die sich da herausschlagen ließen! Und die Anziehungskraft der internationalen Fischereiturniere, die sich ganz von selbst organisieren würden!

Es muß in dieser Richtung unbedingt etwas geschehen. Es stellt sich ja immer klarer heraus, daß sie im Ösling ihre Bäche einen nach dem andern ruhig wollen verschmutzen lassen. Gut, so machen wir es hier umgekehrt und setzen die Forellen, die droben durch den Dreck vertrieben werden, in unsere geläuterte Petruß. Dann haben sie das davon!

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    Katalognummer BW-AK-016-3601