Original

6. Januar 1928

Ein findiger Geschäftsmann kam eines Tages auf folgenden Gedanken: Wie wäre es, wenn ich meiner Kundschaft zu Neujahr einen Wandkalender statt eines Glückwunschkärtchens schickte? Das Glückwunschkärtchen fliegt mit allem andern Neujahrsbristol in den Papierkorb. Kaum gegrüßt, gemieden. Dahingegen der Kalender: Er wird an weithin sichtbarer Stelle in einer guten Stube aufgehängi, jedes Familienmitglied hat ihn tagsüber ein dutzendmal vor Augen und prägt sich meinen Namen und meine Spezialität ein. Ich verkaufe zum Beispiel Nudeln. Wo immer der Inhaber meines Kalenders das Wort Nudeln hört, springt in seiner Vorstellung sofort mein Bild auf und er sieht sich schon an meinem Ladentisch stehen, wie ich ihm seine Düte mit Nudeln abwiege, genießt sie schon in Gedanken zu seinem Hasenpfeffer. M. w.!

Heute gibt es kein Halten mehr. Jeder Lieferant schickt dir seinen eigens für ihn angefertigten Kalender zu Neujahr ins Haus. Die Kalender bekommen Flügel und erscheinen dir nachts als Heuschreckenschwärme. Was sängst du mit all dem Segen an! Du kannst deine Wände nicht mit Kalendern tapezieren. Notgedrungen wirst du also eine Auswahl treffen. Zweie hängen schon in deinem Arbeitszimmer, je einer im Eßzimmer, im Wohnzimmer, im Schlaszimmer, im Fremdenzimmer, in der Küche. Lassen wir es einstweilen dabei bewenden, obgleich .....

Nachdem du so deinen Vorrat rationell über die Wohnung verteilt hast, bleiben dir noch sieben Kalender übrig. Was soll aus denen werden? In der Bekanntschaft herum verschenken ist aussichtslos, überall herrscht derselbe Überfluß.

Papierkorb? Nein, es wäre zu schade. Ein alter Weise, den ich kannte, hob sogar seine leeren Streichholzschachteln auf, ohne bestimmten Zweck, weil „es Arbeit gekostet hatte, sie zu machen“. In den Neujahrskalendern steckt auch Arbeit, jeder von ihnen hat ein Stück oder ein Stückchen Geldes gekostet, es wäre Bandalismus, ihn ohne weiters zu zerstören.

Also was sangen wir mit den überschüssigen Neujahrskalendern an? Heinrich Heine antwortete belanntlich einmal auf die Frage, was der liebe Herrgott mit den alten Monden ansange, er zerschlage sie kurz und klein und mache Sterne daraus. Vielleicht hätte er auch gewußt, wie die überschüssigen Neujahrskalender nutzbringend zu verwenden wären.

Es gibt welche darunter, die einen bleibenden Wert haben; die legt man in seine Bücherei und freut sich später ab und zu daran. Denn einzelne Blätter sind wirkliche Kunstwerke, vorzügliche Wiedergaben wertvoller Radierungen und Gemälde, oder treffliche Ausichten von Denkmälern, Landschaften, Städtebildern und dergleichen, manchmal von hohem dokumentarischem Wert, wie die Abreißkalender bekannter Verlagsfirmen, oder der deutsche Werkkalender, oder der Kalender einer großen schweizer Gesellschaft, die einen ausgedehnten Kundenkreis auch hierzulande hat. Andere Kalender werden einem lieb durch die vorzügliche Reproduktion eines berühmten Bildes. Ich habe mich zum Beispiel in die „Cruche cassée“ von Greuze ein ganzes Jahr lang hineingesehen, weil mir ein Wandkalender mit einer sehr guten Wiedergabe des berühmten Bildes stundenlang gegenüber hing. Das naive Gesichtchen des jungen Mädchens, in dem das Abenteuer mit leiser Verblüffung und milder Befriedigung und unbewußtem Mehrverlangen nachklang, werde ich nie vergessen. Ebenso erging es mir mit dem „Stier“ von De Potter und andern Bildern berühmter Meister.

Sie sehen, Neujahrskalender haben ihr Gutes und können sogar in punkto Kunstgeschichte erziehlich wirken.

Am liebsten aber ist mir, offen gestanden, der Wandkalender, den mir unser Briesträger dies Jahr gebracht hat. Er nennt sich Luxemburger Postkalender, und mit Recht. Er zeigt oben in der Mitte ein Posthorn, das von zwei roten, luxemburger Löwen festgehalten wird. Diese Löwen wenden sich von dem Posthorn ab und strecken die Zunge heraus. Sicher heißt der Löwe rechts Max und der links Moritz. So sehen sie aus, wie ein Paar richtige Lausbuben. Wo kann man vor einer Einrichtung, wie der luxemburger Landespost die Zunge herausstrecken!

Aus dem Kalender ist zu ersehen, wann Schobermeß ist, wann Vollmond, erstes Viertel, Neumond, letztes Viertel, Großherzogins Geburtstag u. s. w. u. s. w. Und drum herum in bunter Anordnung die seltensten Briefmarken unserer Heimat, im Wert von Tausenden von Franken.

Frot dir no alle Seiten hin!

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    Katalognummer BW-AK-016-3603