Original

7. Januar 1928

Diese Zeilen kiesest Du, lieber Leser, liebe Leserin, wahrscheinlich beim Morgenkaffee. Aus dem Kalender und aus einigen weiteren Anzeichen - darunter das wieder einmal fällige Marktgeld - ergibt sich, daß heute Samstag ist.

Eine notwendige Folge davon ist, daß morgen Sonntag sein wird.

Auf den ersten Blick steht das nach gar nichts aus. Sonntag wird es jede Woche einmal, zweiundfünfzig Mal im Jahr. Du bist, nehmen wir an, dreißig Jahre alt: So hast Du 30×52= 1560 Sonntage erlebt. Also ist ein Sonntag mehr oder weniger nicht eine Sache, wegen der Du Dich über Gebühr aufregen müßtest.

Du wirst morgen vielleicht etwas später aufstehen, als an einem gewöhnlichen Werktag - wenn Du nicht etwa früher aufstehst, um einen längst geplanten Ausflug zu machen. Nehmen wir lieber an, Du bleibst ein Stündchen länger liegen. Du hast den Präzedenzsall des lieben Herrgotts, der am Samstag abend etwas später zur Nuhe gegangen war, nachdem er die letzte Hand an die Schöpfung gelegt hatte, und der dann am Sonntag morgen sich ein wohlverdientes Überstündchen Schlummer gönnte. Weil ja die ganze neue Kosmosmaschine tadellos lief, und er vorläufig nicht mit der Ölkanne herumzulaufen brauchte.

Du wirst einen Sonntagsvormittagsspaziergang machen. Ist das Wetter gnädig, so gehst Du vielleicht bis an den Letzten Stüber, um zu sehen, wie weit die Knochenmühlenübersührung gediehen ist, und merkst an den bewimpelten Tannenbäumchen, daß sie „die Strauß haben“. Oder Du strolchst über den Limpertsberg und mündest zur Konzertstunde in die andächtige Menge, die am Paradeplatz den Kiosk umsteht. Dann gehst Du zum Konditor und kaufst ein Dessert, das Du an einem farbigen Schnürchen nachhause trägst. Zum Mittagessen holst Du eine bessere Flasche herauf, und hinten drauf gibt es einen extra feinen Mokka mit einem Gläschen von dem alten Trintinger Kirsch. (Abänderungen behält sich die Direktion vor.)

Dann, so gegen zwei, macht Ihr „nur ein Viertelstündchen“.

Und dann ist der Augenblick da, wo Ihr nicht mehr wißt, was Ihr mit dem angebrochenen Nachmittag anfangen sollt.

Da erwarte ich Euch.

Ich wage zu hoffen, lieber Leser und liebe Leserin, daß Ihr mir bis hierher gefolgt seid. Nicht ohne tiefere Absicht habe ich das Lockmittel einiger leiblichen Genüsse angewandt, um Euch bisheran zu fesseln.

Also was fangt Ihr um drei Uhr an?

Sehr einfach.

Ihr steckt einiges Geld in die Tasche - nicht einmal so viel, wie damals auf einen der Silvesterbälle - und geht in den großen Saal des Cercle-Gebäudes.

Allda findet nämlich von drei bis acht Uhr das alljährliche Wohltätigkeitsfest statt, das die Leiterinnen und Gönnerinnen der Luxemburger Kinderkrippe veranstalten, um ihr dürstiges Büdget ein wenig aufzupolstern.

Vielleicht wart Ihr früher schon einmal auf einem solchen Fest, oder Ihr habt Bekannte, die schon einmal da waren und Euch davon erzählt haben. Dann brauche ich keine weiteren Worte zu verlieren. Aber es wäre immerhin möglich, daß Ihr noch nie da gewesen wäret, und dann würde ich es mir nie verzeihen, wenn ich nicht alles aufgeboten hätte, Euch dahin zu locken. Zumal wir unsere sämtlichen Spalten tagtäglich mit dem kategorischen Imperativ durchschießen: Gedenket der hungernden Vögel!

Der Vögel gedenlen ist schön und lobenswert. Aber dann kommen auch die Kinder. Und ihre Mütter. Denn die Kinderkrippe ist zwar in erster Linie da, damit die Kinder gut und sicher aufgehoben seien, aber auch, damit inzwischen ihre Mütter ohne beständige Augst um das Kleine ihrer Arbeit und ihrem Verdienst nachgehen können.

Wohltaten sind wie fallende Körper im Raum: Um so durchschlagender, je länger ihre Bahn ist. Wohltaten an Kindern wirken sich wachsend durch das ganze Leben aus. Ein Zwanzigfraneschein, den Ihr morgen nachmittag zum Besten der Kinderkrippe springen laßt, setzt sich in lebendige Werte um, die mit den Jahren wachsen, rascher und höher als Zins und Zinseszins.

Also Tresspunkt: morgen, Sonntag, 8. Januar, drei Uhr nachmittags, Cerele-Festsaal.

Wie meintest Du, junger Mann? Aber selbstredend werden die Mimi und die Bibi und die Nini und die Butzi und die Jeanni und die Ditty und alle da sein. Und Ihr werdet tanzen, jawohl! Und flirten, jawohl!

Und am Dienstag oder Mittwoch wird in den Zeitungen stehen, daß das Wohltätigkeitsfest der Crèche am Sonntag das hübsche Sümmchen von 23 467.35 Franken netto eingetragen hat.

Netto!

Und es klang wie ein Schwur!

(Robert Neumann, Mit fremden Federn.)

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    Katalognummer BW-AK-016-3604