Original

8. Januar 1928

Man hat sich hie und da im Land für das alte Remicher Schloß und seinen endlichen Ankaus durch die Gemeinde interessiert. Nicht so viel vielleicht, wie es für diesen oder jenen den Anschein hatte, Aber da war wieder einer der alten Herrensitze, der zum Gemeingut wurde und dem Gemeininteresse fürderhin dienen soll, und das ist immerhin eine Genugtuung für den demokratischen Sinn unseres Volkes.

Die alte Zeit hat uns dreierlei dieser Baulichkeiten übermacht: Schlösser, Klöster und Kasernen. In den dreien saß sie drin, und aus den dreien wurde sie durch die nachdrängenden Geschlechter hinausgeschoben.

Nicht überall. Es gibt noch Schlösser, in denen die Nachkommen ihrer alten Besitzer wohnen, es gibt noch Klöster, in denen die Orden weiterhausen, die sie erbauten, und es gibt noch eine Kaserne, eine wenigstens, die Soldaten beherbergt.

Diese Gebäude sind wie die alten Gesetze, wie der Code Napoléon, der in der Hauptsache noch heute zu Recht besteht. Es wurde an ihm herumgeflickt, wie an den alten Schlössern, Klöstern und Kasernen, und es hat sich meistens gezeigt, daß die alten Fundamente und Mauern und Gewölbe noch solider sind, als die Produkte der Unternehmer von heute.

Die Alten rechneten freilich nicht aus, wie dick genau die Mauern sein mußten, um das Dach zu tragen und den Frost abzuhalten. Sie taten ein Übriges, weil sie aus dem Vollen schufen.

Und sie hatten Zeit. Zeit, die unentbehrlichste Vorbedingung für Kultur.

Vielleicht schnallt man um Ostern oder Pfingsten den Ranzen auf den Buckel, nimmt den Eichenstock zur Hand und zieht los durchs Land, von Schloß zu Schloß, von Kloster zu Kloster. Von Wiltz und Clerf über Burscheid, Brandenburg, Schüttburg nach Useldingen, Pettingen, Körich, Hesperingen ..... heiliger Letau, hilf weiter! Vielleicht nach Weiler zum Turm, Contern, Ehnen und wo sonst noch solche alten Burgmauern unter Brom- und Erdbeeren oder Misthaufen versteckt liegen, wie überwucherte Zahnstümpfe.

Im Vorbeigehen wäre auch den alten Klöstern ein Stündchen zu widmen. Es gibt entzückende alte Klosteridyllen, bald in weltfernen Winkeln, bald im Schatten der Rauchfahnen, die aus Hochosenschloten wehen. Und Echternach! Kloster und Kaserne und Schule in geschichtslogischer Reihenfolge.

Dritte Kategorte: Die Klöster, Schlösser und Kasernen, in denen das Schwungrad der alten Zeit noch ungehemmt weiter geht. Oder in denen die alte durch die neue mit scharf markiertem Übergang abgelöst wurde, und wo sich, als ginge von den Mauern eine Bezauberung aus, der neue Geist mit dem alten mählich durchsetzt, bis der gute Ben Akiba wieder einmal recht behalten hat.

Sodann hätten wir die neuen Klöster, die neuen Schlösser und - die neuen Kasernen. Denn die gibt es auch. Doch das ist wiederum eine andere Geschichte.

Neue Schlösser werden bald von alten Schloßherren gebaut, denen es in ihren Vaterhäusern zu eng geworden ist, bald von Leuten, die in sich den Beruf zu Ahnherren verspüren. Ihnen allen liegt eine Pflicht ob, gegen sich, gegen ihre Zeitgenossen, gegen die Nachwelt. Sie sollen in dem neuen, großzügigen Heim, das sie an die Straße und in die Sonne stellen, ein Kulturbekenntnis ablegen, für ihre Zeit zengen und dem Volk Schönheit predigen. Sollen zeigen, daß sie nicht nur Geld haben, sondern auch Geschmack, und wenn sie keinen haben, daß sie sich dessen bewußt sind und sich sicherer Führung anvertrauen.

Es wird eine Zeit kommen, wo die neuen Schlösser von heute alte Schlösser sein werden. Hätte ich eines zu banen, ich würde jedenfalls dafür sorgen, daß es über dreihundert Jahre oder mehr unter das Gesetz betreffend den Schutz der nationalen Denkmäler fiele.

Es wäre mir eine Beruhigung, im voraus zu wissen, daß in dem Stammschloß, das ich für meine Nachkommen gebaut hätte, nicht eine Genossenschaftsmolkerei, ein Ferienheim, ein Gestüte oder eine Porzellaufabrik eingerichtet werden dürfte.

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    Katalognummer BW-AK-016-3605