„Übersende Ihnen aus Chieago beiliegenden Artikel aus Luxemburg. Vielleicht finden Sie auf irgendeine Art Interesse daran.“
Der Artikel war ein Ausschnitt aus den „Chicago Daily News“ vom 21. Dezember 1927, mit dem Titel „A Pretender waits and plays“. Der „Pretender“ ist Prinz Otto, ältester Sohn des verstorbenen Exlaisers Karl von Österreich und seiner Gemahlin Zita. Eine photographische Aufnahme, die vor zwei Jahren im Ösling gemacht wurde, zeigt ihn als hübschen, schlanken Jungen, hinter seinem Rad stehend, auf die Lenkstange gestützt, mit seinen drei Brüdern Felix, Robert und Karl.
Im vergangenen Herbst hielt sich hier einige Wochen lang ein ungarischer Journalist, früherer Offizier im österreichisch-ungarischen Generalstab auf. Eines Tages erzählte er einem hiesigen Kollegen, daß er in der Benediktiner-Abtei von Clerf Seine Majestät König Otto besucht habe - vielmehr gesehen habe. Einen Besuch bei seinem König dürfe er es nicht nennen, die Benediktiner seien von einer wasserdichten Diskretion gewesen und alle hießen Hase und wußten von nichts.
Der luxemburger Kollege wußte wieder einmal feststellen, daß uns in der Ausspürung von Sensationen zwischen Schengen und Drei Baracken das Ausland über ist, daß wir oft das Interessanteste, das zwischen unsern vier Pfählen vor sich geht, erst als Echo von draußen zu hören bekommen.
Dasselbe würde der luxemburger Kollege feststellen, wenn er diesen Ausschnitt aus den „Chicago Daily News“ sähe.
Es ist eine Zuschrift von einem SpezialKorrespondenten der „Daily News“ vom 30. November v. J. Sie beginnt mit einer anziehenden Lokalisierung der Begebenheiten:
„Hoch droben in den luxemburger Ardennerbergen, zwischen Wäldern und Forellenbächen liegt das Städtchen Clerf, überragt von seinem alten Schloß und einem weitläufigen Benediktinerkloster. Dies ist die Stätte, wo Franz Joseph Otto Robert Maria Sixtus Xavier Felix Gaetan Pius Ignatius von Habsburg, österreichischungarischer Thronerbe (wenn es je wieder einen Thron dort zu erben gibt) seine Erziehung erhält. Er ist ein großer, blonder, hübscher Junge von zirka sechzehn Jahren (nicht ganz, da er am 20. November 1912 geboren-ist) und mit seinem Präzeptor, einem Benediktinerpater von Soleme (?) seit mehreren Monaten in Clerf.“ (Nach der Photographie müssen es schon mehrere-Jahre sein.)
Der Artikel erinnert alsdann an die Schritte, die seinerzeit Kaiser Karl durch seinen Schwager Sixtus, Offizier in der belgischen Armee, wegen eines Sonderfriedens bei den Alliierten unternommen hatte, an seine Verbannung nach der Schweiz, an den verunglückten Flug nach Oedenburg im Oktober 1922, an die daraufsolgende Verbannung nach Madeira und an den Tod des bedauernswerten Exkaisers in Funchal, im April 1923.
Aber die ehrgeizige und energische Zita, schreibt der Korrespondent der „Chicago Daily News“, hat nie die Hoffnung aufgegeben, ihren ältesten Sohn noch einmal auf dem ungarischen Königsthron zu sehen. Sie ist heute eine hübsche junge Frau von fünfunddreißig Jahren, Mutter von sieben Kindern.
Einer alten Überlieserung gemäß sollen die ältesten Söhne des Hauses Bourbon-Parma von Benediktiner-Patres erzogen werden. Die Wahl fiel auf die Clerser Abtei wegen ihrer schönen und gesunden Lage.
Zita gab der luxemburger Regierung das feierliche Versprechen, daß während Ottos Aufenthalt im luxemburger Land keinerlei Intrige um ihn gesponnen werden soll, und es wird angenommen, daß die Großherzogin von Luxemburg dasselbe Versprechen erhalten haben muß, denn sie weiß sehr wohl, daß den demokralischen Luxemburgern jede reaktionäre Machenschaft in der Seele zuwider ist .....
Der junge Otto arbeitet in Clerf fleißig mit seinem Präzeptor, hauptsächlich in Geographie, Geschichte, Latein und natürlich Religion. Er soll ein intelligenter Schüler sein. Sein Leben ist rauh und streng, aber er sagt, es gefällt ihm. Sein Wochenende verlebt er meist auf Schloß Colmar bei seiner Tante, der Großherzogin. Seine Steckenpferde sind Hühnerjagd und Kegelspiel. Stundenlang wandert er mit seiner Flinte durch die Wälder um Clerf. Manchmal findet er seinen Spaß auch daran, in Clerf die Klosterglocken zu läuten. In der Abteikirche hat er seinen eigenen Stuhl hoch oben auf der Empore, und in dem alten (?) romantischen. Speisefaal der Mönche sitzt er allein an einem kleinen Tisch. Von jedermann wird er, auf den ausdrücklichen Wunsch seiner Mutter, mit Majestät angeredet. Er verkehrt kameradschastlich mit den andern, weniger hochgestellten Knaben, die im selben Kloster erzogen werden, aber sobald die Rede auf die Politik kommt, beobachtet Otto strenges Schweigen.“
Nun bleibt uns weiter nichts übrig, als nach Amerika zu fahren und dort den NeporterDetektiv zu spielen, um mit den amerikanischen Kollegen „level“ zu werden.