Original

11. Januar 1928

Ich mußte irgendwo urkundlich belegen, wo, wann und von wem ich geboren wurde, und begab mich in die Gerichtskanzlei, wo die Geburtsurkunden aufbewahrt werden.

Dies ist eine der Gelegenheiten, die einem zum Bewußtsein bringen, daß der Bürokratismus auch seine guten Seiten haben kann.

Er hat durch all die Jahrzehnte getreulich festgehalten, in welchem Jahr, an welchem Tag, um welche Stunde du das Tageslicht oder das Nachtlämpchen erblickt hast. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie die Zeugen, Pierre Simon, Tagelöhner in Rümelingen, und Johann Baptist Klein, Student der Medizin, wohnhaft in Frisingen, ihren Namen unter die Urkunde malten, die der Gemeindesekretär soeben in seiner zierlichen Handschrift ausgefertigt hatte. Da stand auch der kalligraphierte, schnörkelumkreiste Namenszug desjenigen, der verantwortlich gezeichnet hatte, und die saubere Unterschrift des Bürgermeisters Nik. Gonner, dessen Millionenerbschaft vor Jahren das Land mit nachhaltigem Echo füllte.

Das Blatt ist leicht vergilbt. Es hat in seinem Aussehen das Endgültige, Unabänderliche allen Niederschlags der Zeit.

Ist das wirklich schon so lange her?

Die reizenden Tippfräulein hatten, während ich mein Anliegen vortrug, zu klappern auf- und mir zugehört. Sie nahmen offenbar innigen Anteil. Nachdem ich klar gemacht hatte, was mich zu ihnen führte, wandten sie sich wieder ihrer Beschäftigung zu und füllten den Raum mit musikalischem Ticktack. Ich sage musikalisch und meine es. Wenn ich mir vorstelle, daß alle diese jungen Damen stumm dasitzen und einen Federkiel oder bestenfalls eine Goldfüllfeder lautlos über das Papier führen sollten, packt mich ein Grausen. Es wäre wie in einer Leichenkammer. So aber: Die Schreibmaschine ist wie ein Sicherheitsventil des weiblichen Nedebedürfnisses, wie eine Fortsetzung des Sprechapparates. Sie plappert und plappert, und die junge Dame, die dahinter sitzt, kann in das Geplapper hineinlegen, was sie will. Sie kann durch ihre Maschine lustig plappern und elegisch plappern, hurtig und langsam, laut und leise, hingebend und energisch, rhythmisch und struwelpeterig. So eine Schreibstube, in der es früher dumpf und tot war vor Langeweile, in der die Minuten lautlos von der Decke tröpfelten, ist heute ein lebhaft durchticktackter Raum, in dem jedes Individuum hörbar in die Erscheinung tritt, sich behauptet und durchsetzt. Es lebe die Schreibmaschine!

Hier stehen die Schreibmaschinen in einem historischen Gebäude. Es stammt aus der Zeit, wo man die Häuser in Luxemburg noch dahin baute, wo es am schönsten war. Es hat lange gedauert, bis sich wieber einer fand, der sein Haus ins Angesicht bleser wunderbaren Tallandschaft baute. In der Zwischenzeit hatte man den Kasernen, Fabriken und Klöstern den Vortritt gelassen.

Von der Schreibstube, wo die Maschinen plappern, reicht der Blick übers Tal hinüber. Vor den Fenstern zieht sich eine Terrasse hin. Da muß es sich in lauen Mondnächten wunderbar lustwandeln. Oder lustsitzen mit allem, was dazu gehört. Die Alten wußten, was gut war und wie man es machen mußte, um aus dem Rohmaterial des Daseins ein Kunstwerk zu schaffen.

Auf der Brüstung der Terrasse stehen zwei Vogelfutterhäuschen. Es ist grade nicht Essenszeit. Aber man merkt, daß zu den Mahlzeiten dort ein reger Vetrieb herrschen muß. Die eine der jungen Damen meinte scherzend, das zweite Häuschen sei erst nachträglich aufgestellt worden, als alkoholfreies Restaurant.

Die Gedanken gehen über die Terrasse, über die Baumwipfel, in die andere Schreibstube, in der damals die Urkunbe ausgefertigt wurde, die ich mir eben ausschreiben lasse. Aus frühesten Kindererinnerungen steigt das alte Rümelingen auf: Die Kirche, die längst einer neuen Platz gemacht hat, die sicher nicht so schön ist, wie die alte war, mit ihrem steinernen Weihwasserbecken rechts am Portal, wo auf dem Wasser die ertrunkenen Hornissen schwammen. Der Koamer Jang, der an seinem Webstuhl das Schifflein warf und uns auf seiner großen „Krone“, auf der er das Garn aufwand, mit rundfahren ließ, wie auf einem Karussell. Der Graf d’Hunolstein, von dem die Leute erzählten, er habe sein Pferd über einen so! hohen Haufen Stämme seiner frisch gefällten Riesen-schen gespornt. Der Blick auf die Berge, denen sie grade die Flanken aufzureißen begannen. hohen Königskerzen im Abhang hinterm Haus ....

Ist das alles schon so lange her?

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    Katalognummer BW-AK-016-3607